Arche Literatur Kalender 2018
Ruhe & Bewegung

Ein Literaturkalender ist anregender Begleiter durch das Jahr - abseits von Stress und Terminen bietet der Arche Literaturkalender auch 2018 wieder anregende literarische Kostproben – zum Nach- und Weiterlesen: 53 Autorinnen und Autoren kreisen um das Motto "Ruhe und Bewegung".

 

Arche Literatur Kalender 2018. Von Ruhe und BewegungSchritt für Schritt

Wir folgen Hermann Hesse in den Garten, begegnen Alfred Kerr auf stürmischer Schiffsreise, besteigen Berge oder ein lang ersehntes Automobil, ein "Wägelchen", wie Wladimir Majakowski. Das einfachste Fortbewegungsmittel sind die Füße, mit denen sich Theodeor Fontane in seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" Schritt für Schritt seine Umgebung erobert - ihm gehen die Augen über:
"Schlösser, Kirchen, Kirchhöfe, Inschriften, Grabschriften, Bilder, Statuen, Parks, Grafen, Kutscher, Haushälterinnen, Vater, poetische Drechslermeister – alles das und hundert andres dazu tanzt mir hurly burly im Kopf herum, dazu die Landschaftsbilder, die alle beschrieben werden müssen, dazu gestern die Strapaze des Marschierens und Bergekletterns und nun schließlich ein verdorbeneer Magen – das halte aus wer kann." Schrieb er im September 1862 an seine Frau. Der Mann war im Stress – würden wir heute sagen.

Reisen auf dem Diwan

Ganz im Gegensatz zu Simone de Beauvoir: Sie reist lieber in Gedanken – und in Büchern, liegt bei zugezogenen Vorhängen auf dem Diwan. Im Sommer liest sie auch gern im Freien, genießt Bewegung in der Ruhe:
"Die Erzählung trägt mich weit fort; dennoch spüre ich auf meiner Haut die Sonne und die leichte Luftbewegung, ich atme den Duft der Bäume ein und werfe hin und wieder einen Blick zum blauen Himmel empor; ich bleibe, wo ich bin, während ich mich dennoch anderswo aufhalte."
Hermann Hesse wagt sich etwas weiter hinaus, bevorzugt den Garten als Ort der Ruhe und Contemplation:
"Ich teile meinen Tag zwischen Studio und Gartenarbeit, letztere gilt der Meditation und geistigen Verdauung und wird darum meist einsam betrieben."
Andere wollen raus – Pier Paolo Pasolini auf den Fußballplatz, Vladimir Nabokov liebt die Eleganz und Kraft des Tennisspiels, Fernando Pessoa bewegt sich mit "schlurfenden Füßen" ruhelos durch Lissabon, David Foster Wallace beobachtet satirisch-bissig die "wohlverdiente und längst fällige Belohnung" auf einer Kreuzfahrt und Henry Miller steigt am liebsten aufs Fahrrad:
"Wenn ich radfuhr, wurde ich erquickt, belehrt und gesalbt. Vive le vélo! C'est un ami de l'homme, comme le cheval". Notiert er in Paris

Sehnsucht nach Freiheit

Das Bedürfnis nach Ruhe und Bewegung entspringt leider nicht nur heiteren Motiven:
"Ach, ich möchte zuweilen meinen Mantel anziehn, meinen Hut aufsetzen und fortwandern, weit, weit fort. Und ich denke jetzt öfters daran, daß ich, wenn erst einmal Schnee fällt,nach Finkenkrug fahren und dort bei Mondschein, wie ich es früher tat, im Walde herumstapfen könnte."
Schreibt Gertrud Kolmar wehmütig an ihre Schwester, denn ihr Drang nach Bewegung hat einen ernsten Hintergrund – die Villa Finkenkrug in Falkensee musste die Familie zwangsverkaufen und fortan im "Judenhaus" in Schöneberg leben – bis zu ihrer Deportation 1943. Walter Mehring flüchtet nach dem Einmarsch der Deutschen in Paris in den Süden des Landes, um von dort weiterzukommen:
"Aber, das hatte ich nicht bedacht, zur Zeit waren in Bayonne an die hunderttausend Flüchtlinge. Die Stadt war schwarz von Menschen, die sich da stauten, …. die da stagnierten an den Quais der pittoresken und industriellen Altstadt."

Träumerischer Ortswechsel

Wir reisen mit den Autor*Innen in tiefe Sehnsucht und großes Glück, in ferne Länder und innere Einkehr, aber auch in große Träume – wie Juan Rulfo. Den mexikanischen Autor sehen wir in diesem schönen Kalender als stolzen Gipfelstürmer, jung an Jahren , vielleicht ein bisschen noch der
"verrückte Junge, der sein ganzes Leben nur mit Träumen verbrachte … Dann träumte ihm, er besitze ein Fahrrad und Rollschuhe und einen Berg von Murmeln. Später dann träumte ihm, er sei Chauffeur oder Lokomotivführer und könne von einem Ort zum anderen fahren."
Wie immer ist der Arche Literaturkalender mit schönen Fotos illustriert, dazu informative Texte, Kurzbiografien und Kalendarium. Ein literarisches Jahresvergnügen und ein schönes Geschenk in letzter Minute.
(Christiane Schwalbe)

Arche Literaturkalender 2018 "Von Ruhe und Bewegung"
Arche Kalender Verlag, 60 Seiten, 24,4 x 32 cm, 21,99 Euro