Buchtipp
Bremen


"Gift"

Peer Meter / Barbara Yelin




Reprodukt-Verlag Berlin
2010
200 Seiten
20 Euro



Buchtipp von
Gabi von Alemann


Peer Meter / Barbara Yelin



3428

"Gift"

Gesche Gottfried

Peer Meter / Barbara Yelin


Am Rande des Domshofs in Bremen, in unmittelbarer Nhe von Roland, Rathaus und St. Petri-Dom, sieht man manchmal Touristen umhergehen, den Blick auf den Boden geheftet, den Reisefhrer in der Hand. Sie suchen nach dem Spuckstein, einem etwas vergrerten flachen Pflasterstein mit eingemeieltem Kreuz, der an die Giftmrderin Gesche Gottfried erinnert.

Mit Musebutter umgebracht

Die merkwrdig berhmte Giftmrderin ist keine Legende, sondern ein unrhmliches Kapitel aus der Bremer Stadtgeschichte. Gesche Gottfried wurde 1831 ffentlich enthauptet. Sie hatte 15 Menschen aus ihrer nchsten Umgebung (auch Kinder, Eltern, Ehemnner) mit Hilfe von "Musebutter" umgebracht und weiteren 19 Personen kleinere Portionen von dem Gift verabreicht. Dass Gesche G. mglicherweise psychisch gestrt war, dass sie in jedem Fall stark unter Druck stand, hat die Bremer Justiz damals nicht interessiert: Diese Frau war schlicht bse und musste mit dem Tod bestraft werden.
Gesches Geschichte wird jetzt ganz neu erzhlt: als Bildergeschichte in schwarz-weien Zeichnungen, die die Schauerlichkeit der Geschichte ganz wunderbar wiedergeben.

DAS Thema in Bremen

Eingeschachtelt in eine fiktive Rahmenhandlung begegnen wir Gesche darin nicht direkt, sondern vermittelt durch eine junge Frau. Die kommt mit dem Auftrag, einen Bremen-Reisebericht fr den Verleger Brockhaus zu schreiben, zufllig am Vorabend von Gesches Hinrichtung in die Stadt. Von vielen Seiten Gesche Gottfried ist DAS Thema in der Stadt Bremen werden der jungen Schriftstellerin Einzelheiten ber die Giftmrderin zugetragen.
Sie erfhrt hautnah, wie die Obrigkeit ber deren Verbrechen urteilt. Sie erlebt, wie eine mnnlich dominierte Gesellschaft die Mrderin als Projektionsflche benutzt fr alles Weibliche, vor dem Mnner Angst haben. Niemand stellt die Frage nach der Mitverantwortung der Umwelt. Warum hat niemand rechtzeitig interveniert? Heimlich liest die junge Reise-Autorin die geheimen Prozessakten mit Gesches Aussagen und muss am nchsten Tag die Hinrichtung mit ansehen.

Geniale Zeichenkunst

Peer Meter, der sich seit langem mit dem berhmten historischen Kriminalfall befasst, hat sich grndlich in den bis in die jngste Vergangenheit verschwundenen Prozessakten umgesehen. Was Gesche Gottfried in den Verhren damals zu Protokoll gegeben hat, findet sich hier passagenweise wieder. Die besondere Wucht dieser Geschichte aber steckt in den genialen Bleistiftzeichnungen von Barbara Yelin. Sie erzeugen eine groartig gruselige Spannung und erzhlen streckenweise die Geschichte auch ohne Worte weiter.

Unglubiges Schaudern

Yelin macht mit ihrer Zeichenkunst die Personen lebendig. Sie zeigt die Stadt als Kulisse mnnlicher Macht und Obrigkeit. Sie lsst uns den Klatsch, die Gerchte und Urteile spren, die ber Gesche kursieren. Wir nehmen an der Enthauptung teil wie an einem mittelalterlichen Spektakel und schaudern unglubig. Wir sehen die gedrckt dastehende Frau, Tterin und Opfer zugleich, wie sie ihren Richtern auf dem Schafott vor dem Tod die Hand reicht.
Dichter und eindringlicher kann man in Bildern keine Geschichte erzhlen. Und wenn ich in Bremen, ums Eck vom Dom, am Spuckstein vorbeikomme, dann wei ich jetzt: Gesche G. war eine von uns.

(Gabi von Alemann)