Buchtipp
Bremen


"Gift"

Peer Meter / Barbara Yelin




Reprodukt-Verlag Berlin
2010
200 Seiten
20 Euro



Buchtipp von
Gabi von Alemann


Peer Meter / Barbara Yelin



3126

"Gift"

Gesche Gottfried

Peer Meter / Barbara Yelin


Am Rande des Domshofs in Bremen, in unmittelbarer Nähe von Roland, Rathaus und St. Petri-Dom, sieht man manchmal Touristen umhergehen, den Blick auf den Boden geheftet, den Reiseführer in der Hand. Sie suchen nach dem Spuckstein, einem etwas vergrößerten flachen Pflasterstein mit eingemeißeltem Kreuz, der an die Giftmörderin Gesche Gottfried erinnert.

Mit Mäusebutter umgebracht

Die merkwürdig berühmte Giftmörderin ist keine Legende, sondern ein unrühmliches Kapitel aus der Bremer Stadtgeschichte. Gesche Gottfried wurde 1831 öffentlich enthauptet. Sie hatte 15 Menschen aus ihrer nächsten Umgebung (auch Kinder, Eltern, Ehemänner) mit Hilfe von "Mäusebutter" umgebracht und weiteren 19 Personen kleinere Portionen von dem Gift verabreicht. Dass Gesche G. möglicherweise psychisch gestört war, dass sie in jedem Fall stark unter Druck stand, hat die Bremer Justiz damals nicht interessiert: Diese Frau war schlicht böse und musste mit dem Tod bestraft werden.
Gesches Geschichte wird jetzt ganz neu erzählt: als Bildergeschichte in schwarz-weißen Zeichnungen, die die Schauerlichkeit der Geschichte ganz wunderbar wiedergeben.

DAS Thema in Bremen

Eingeschachtelt in eine fiktive Rahmenhandlung begegnen wir Gesche darin nicht direkt, sondern vermittelt durch eine junge Frau. Die kommt mit dem Auftrag, einen Bremen-Reisebericht für den Verleger Brockhaus zu schreiben, zufällig am Vorabend von Gesches Hinrichtung in die Stadt. Von vielen Seiten – Gesche Gottfried ist DAS Thema in der Stadt Bremen – werden der jungen Schriftstellerin Einzelheiten über die Giftmörderin zugetragen.
Sie erfährt hautnah, wie die Obrigkeit über deren Verbrechen urteilt. Sie erlebt, wie eine männlich dominierte Gesellschaft die Mörderin als Projektionsfläche benutzt für alles Weibliche, vor dem Männer Angst haben. Niemand stellt die Frage nach der Mitverantwortung der Umwelt. Warum hat niemand rechtzeitig interveniert? Heimlich liest die junge Reise-Autorin die geheimen Prozessakten mit Gesches Aussagen und muss am nächsten Tag die Hinrichtung mit ansehen.

Geniale Zeichenkunst

Peer Meter, der sich seit langem mit dem berühmten historischen Kriminalfall befasst, hat sich gründlich in den bis in die jüngste Vergangenheit verschwundenen Prozessakten umgesehen. Was Gesche Gottfried in den Verhören damals zu Protokoll gegeben hat, findet sich hier passagenweise wieder. Die besondere Wucht dieser Geschichte aber steckt in den genialen Bleistiftzeichnungen von Barbara Yelin. Sie erzeugen eine großartig gruselige Spannung und erzählen streckenweise die Geschichte auch ohne Worte weiter.

Ungläubiges Schaudern

Yelin macht mit ihrer Zeichenkunst die Personen lebendig. Sie zeigt die Stadt als Kulisse männlicher Macht und Obrigkeit. Sie lässt uns den Klatsch, die Gerüchte und Urteile spüren, die über Gesche kursieren. Wir nehmen an der Enthauptung teil wie an einem mittelalterlichen Spektakel und schaudern ungläubig. Wir sehen die gedrückt dastehende Frau, Täterin und Opfer zugleich, wie sie ihren Richtern auf dem Schafott vor dem Tod die Hand reicht.
Dichter und eindringlicher kann man in Bildern keine Geschichte erzählen. Und wenn ich in Bremen, ums Eck vom Dom, am Spuckstein vorbeikomme, dann weiß ich jetzt: Gesche G. war eine von uns.

(Gabi von Alemann)