Neue Bcher

Larry Brown
Fay

Stellen wir uns Fay vor wie Marilyn Monroe, als sie noch sehr jung war und als Norma Jean Baker mit 18 Jahren als Fotomodell entdeckt wurde. Die 17jährige Fay macht sich auf den Weg, um Armut, Missbrauch und Gewalt in ihrer Familie von Wanderarbeitern in Mississippi zu entkommen.

 

Larry Brown, Fay, Heyne Verlag, 2017, RomanGut oder böse

Ihr Ziel: das Meer, die Stadt Biloxi am Golf von Mexiko, ein besseres Leben. Sie weiß wenig, und als sie knapp einer Vergewaltigung entgeht, findet sie Schutz im Haus am See beim Streifenpolizisten Sam und seiner Frau, die ihre Tochter durch einen Unfall verloren haben. Liefe es gut, wäre der Roman hier zu Ende, doch in Fays Leben läuft es nicht gut, und am Ende sind einige Männer und Frauen, die ihren Weg kreuzten, tot.
"Woraus bestanden Menschen, und wie kamen sie zusammen, um das zu sein, was sie waren? Was war dafür verantwortlich, dass man gut oder böse war? Warum starben gute Menschen, während böse am Leben waren?"

Nicht nur Opfer

Larry Brown (1951-2004), wie seine Heldin und wie auch schon der große Südstaatenschriftsteller William Faulkner aus Oxford/Mississippi, kannte den "White trash“, seine armen und auf sehr spezielle Weise ignoranten Landsleute im Süden der USA genau, denn nach dem Militär arbeitete er als Hilfsarbeiter und Feuerwehrmann, bevor er beschloss, Schriftsteller zu werden. In seinem ersten fürs deutsche Publikum entdeckten Roman erlebt man, wie präzise er den Ton dieser Abgehängten und bis heute von der Politik Vernachlässigten trifft. Fay, viel zu hübsch für das Leben auf der Straße, das sie nach einem kurzen Zwischenspiel der Liebe mit Sam wieder einholt, ist Teil dieser Welt, und Brown entwickelt mit großer Zuneigung und mit ebenso zärtlichem wie lakonischem Blick, wie sie sich zwischen Trailerparks, Stripteaseschuppen und betrunkenen Autofahrern behauptet und durchaus nicht nur zum Opfer wird.
"Ach ja?“ sagte Fay. Sie beugte sich vor. "Dann lass dir eins gesagt sein. Das gilt auch für dich. Wenn du dich mit mir anlegst, dann tret ich dir den Arsch zwischen die Schulterblätter.“

Kein Zurück

Das bisschen Glück, das ihr begegnet, wird immer wieder rasch vom größeren Unglück aufgezehrt, und die Hoffnung der inzwischen schwangeren Fay auf den Zipfel eines besseren Lebens erstickt in all ihren Fehlentscheidungen: Der Rausschmeißer Aaron aus dem Stripclub, der scheinbar Schutz bietet, entpuppt sich als gewalttätiger Drogendealer. Fays Unschuld ist für ihn der Abglanz eines längst vergangenen Lebens, als junge Männer an der Küste noch als Fischer ihr Auskommen hatten – doch auch hier beschreibt der Autor Larry Brown mit scharfem Blick, bilderreich und ohne jede Sentimentalität, dass es unter den herrschenden Verhältnissen kein Zurück mehr gibt.

Verwundbar und allein

All seine Personen, Aaron ebenso wie der tapfere Polizist Sam und Fay selbst handeln überstürzt und unklug. Der Absturz scheint vorgezeichnet: auch Fay trinkt und raucht zu viel und weiß meist zu wenig, um einen Ausweg zu finden:
"Warum konnte sie nicht einfach ihre Sachen packen, die Straße entlanggehen und sich irgendwo eine Weile verstecken? Sie konnte zu Sams Haus trampen und dort auf ihn warten. Irgendwann musste er ja zu seinem Streifenwagen zurückkehren. Irgendwann musste er wieder zur Arbeit. Doch sie hatte Angst vor allem, was sie nicht wusste."
Diese Angst der 'kleinen Leute‘ zu überwinden, bietet der jungen Frau die einzige Chance, und Larry Brown ist ein guter Beobachter, der in den kleinen Gesten und Bewegungen der Körper auch die Stärken erkennt, über die selbst die Schwächsten verfügen können. Wenn sie ihre Chance ergreifen und nicht in ihren Emotionen verstrickt bleiben. Fay, verwundbar und allein, wird zugleich als stoische Überlebende geschildert, die lernen kann und will und das Streben nach Glück, the pursuit of happyness, das in so vielen Countrysongs beschworen wird, nicht aufgibt.
Marilyn Monroe kann sie nicht mehr spielen, aber als Film der Coen-Brüder würde man ihre Geschichte gern sehen – nachdem man den Roman mit Gewinn gelesen hat.
(Lore Kleinert)

Larry Brown, *1951 in Oxford, Mississippi, schreibender Feuerwehrmann, Kurzgeschichten und Romane, gestorben 2004

Larry Brown "Fay"
"Fay" aus dem Amerikanischen übersetzt von Thomas Gunkel
Mit einem Nachwort von Alf Mayer
Roman, HeyneHardcore im Wilhelm Heyne Verlag 2017, 656 Seiten, 22,99 Euro
eBook 18,99 Euro

Zusätzliche Informationen