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James Gordon Farrell
Singapur im Würgegriff

Als Matthew Webb nach dem Tod seines Vaters, eines der beiden Firmengründer von Blackett&Webb in die britische Kolonie Malaya kommt, warnt man ihn vor dem "Würgegriff“ von Singapur.

 

James Gordon Farrell, Singapur im Würgegriff, Matthes und Seitz 2017, RomanAltmodische Ideale

Doch ob damit ein gefährliches tropisches Fieber, die besondere Beherrschung weiblicher Vaginalmuskeln als erotische Spezialität einheimischer Bordelle oder die Zwangsläufigkeit kapitalistischer Profitgier gemeint ist, wird er nicht herausfinden. 1937 scheint die Welt der Geschäftsleute und Abenteurer, der militärischen und zivilen Diener des britischen Empire noch in Ordnung, zumindest wenn sie Partys feiern oder, wie Walter Blackett, das Fest zum 100. Jubiläum der ältesten Firma Singapurs planen.
Für ihn ist sein Handelshaus "eine Oase altmodischer Ideale in der Wüste einer immer skrupelloseren Geschäftswelt“, eine Stütze der Gesellschaft, und zugleich zeichnet der Schriftsteller James Gordon Farrell in ihm das Bild eines Mannes, der bereit ist, jedes dieser Ideale im Interesse des Profits der Firma zu verbiegen und zu zerbrechen.

Erinnerung an alte Zeiten

Die Verheiratung seiner Tochter Joan ist ihm dabei ebenso recht wie die Ausplünderung der einheimischen Kautschukbauern oder das Unterlaufen von Auflagen der Regierung, doch das Ende all dieser selbstgefälligen und mitunter exzentrischen Pläne steht längst wie ein Menetekel an der Wand, denn in Europa und Asien tobt schon bald der Krieg. Während Walter sich in Erinnerungen an die festgefügten alten Zeiten verliert, planen die Japaner den Angriff auf die britische Kolonie, und die indischen und malayischen Plantagenarbeiter haben längst begonnen, sich gegen die Ausbeutung aufzulehnen:
"Er sah, dass die Atmosphäre im Land sich nun weit genug verändert hatte, dass dergleichen möglich geworden war. Die alte Ordnung war tot, mausetot. Mit einem Seufzer stach Walter den Silberlöffel in den Pudding, der sich auf seinem Teller duckte, ein festes, gräuliches Gebilde aus Tapioka und Kokosnussmilch mit einem dünnen, dunklen Sirup darüber. Gula malacca! Wie dieser kühle Geschmack die Erinnerung an die alten Zeiten in Singapur aufleben ließ!“

Tropisches Paradies

James Gordon Farrell kontrastiert das Lebensgefühl der britischen Oberschicht, das auf kompletter Verleugnung der Realität beruht, mit der schrittweisen Eroberung und Zerstörung ihres scheinbar so sicheren Lebensraums im tropischen Paradies, dessen Schönheit und Reiz er detailliert und opulent schildert. Selbst als man 1942 tapfer versucht, die Brände nach den Bombardierungen der Stadt zu löschen und sich viel zu spät zur Flucht auf kleinen Booten bereitmacht, ist die Kolonialelite kaum in der Lage, sich aus den bequemen Gewohnheiten und Selbsttäuschungen zu befreien. Die Figur des Walter Blackett, mitunter bis ins Klischee des britischen Kolonialisten verzerrt, bringt diese Haltung widerspruchsfrei zum Ausdruck:
"Malaya war für ihn sein Heimatland. Er hatte den größten Teil seines Lebens hier verbracht, hatte eine Familie gegründet. Er hatte feste Vorstellungen davon, wie es an diesem Ort aussehen sollte. Er wollte nicht, dass sich etwas daran veränderte. Er mochte dieses Land, so wie es bisher gewesen war.“

Naivität und Zynismus

Der für den Völkerbund tätige und politisch hellsichtigere Matthew wird dabei nicht zu seinem Gegenspieler, sondern er verkörpert den schuldgeplagten Typus des liberalen Intellektuellen, der zwar erkennt, wie die herrschenden Besitzverhältnisse die Chancen der einheimischen Arbeiter verhindern. Als Firmenerbe aber bleibt er seiner Klasse verbunden und seine Naivität erscheint immer nur als passender Kontrast zum Zynismus der Familie Blackett. Sein Versuch, eine Verbindung zwischen der Verzweiflung verarmter Menschen herzustellen und
"der langen Reihe von Fehlschlägen des Völkerbunds…, die er selbst in Genf miterlebt habe, eine Verbindung zu der immergleichen Unfähigkeit der Großmächte, sich zu einer Welt zu bekennen, die als internationale Gemeinschaft organisiert war“,
führt zu nichts als hilflosen, mitunter auch erotischen Eskapaden, die ihn allenfalls vor der Heirat mit Blacketts Tochter retten.

Blick auf den Untergang

Der französische Kolonialbeamte Dupigny, der schon die Besetzung Indochinas miterlebte und erkennt, was auf Singapur zukommt, gehört zum engeren Kreis und betrachtet den Untergang mit Zynismus:
"Warum überrascht Sie das? In einem Land wie Malaya ist die Gemeinschaft unmöglich, weil die Menschen verschiedenen Rassen angehören und nichts gemein haben außer dem Egoismus. Alle Menschen werden Brüder? Unsinn!"
Der britische Major Archer ist schon aus dem ersten Band von Farrells Trilogie zum Niedergang des britischen Empire bekannt, als es um Irlands Spaltung ging ("Troubles“); er bemüht sich im Kampf um Singapur heldenhaft, aber auch auf skurrile Weise um die Versorgung der Flüchtlinge, während Vera, eine junge Frau chinesisch-russischer Herkunft, in die Matthew sich auf seine umständliche Weise verliebt, vor allem daran gelegen ist, alte Kränkungen zu parieren - sie alle sind treffend beschrieben und ihre Schicksale wirken oft bewegender als die der Protagonisten. Wer wissen will, was Imperien im Innersten zusammenhält und wie schnell eine reiche, vielfarbige Welt untergehen kann, während sich ihre Bewohner immer noch darüber hinwegtäuschen, sollte Farrells Roman trotz etlicher Längen unbedingt lesen.
(Lore Kleinert)

James Gordon Farrell, 1935 - 1979, geboren in Liverpool, englischer Schriftsteller mit dem Hauptwerk "Empire Trilogy" über den Niedergang des Britischen Imperiums

James Gordon Farrell "Singapur im Würgegriff"
"The Singapore Grip" übersetzt aus dem Englischen von Manfred Allié
Roman, Matthes & Seitz Berlin 2017, 828 Seiten, 30 Euro
eBook 24,99 Euro

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