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Elena Ferrante
Die Geschichte des verlorenen Kindes

"Du musst die Beste von allen werden" – verlangt Lila in jungen Jahren von Lenú, und diese Forderung fordert sie wie eine unerbittliche Zielvorgabe bis ins Alter heraus, ihr Leben ist geprägt davon, sich loszusagen von der eigenen Vergangenheit, von Herkunft, Erziehung und Bildungsferne, um aufzusteigen in eine andere Gesellschaftsschicht, was ihr durch die Heirat mit einem Florentiner Professor gelingt.

 

Elena Ferrante, Die Geschichte des verlorenen Kindes, Suhrkamp. Buchtipp, Buchrezension, Christiane SchwalbeAbhängig von Bestätigung

Als Romanautorin gelingt ihr das, sie hat Erfolg, wird berühmt, findet internationale Anerkennung und ist eine gefragte Persönlichkeit. Zum Preis "verbissener Selbstdisziplin und mühsamer Studien". Innerlich bleibt sie dem Rione verhaftet, ist abhängig von äußerer Bestätigung, auch von der Mutter, deren hasserfüllte Ablehnung sie schmerzt. Sie kehrt schließlich zurück ins alte Milieu, ihre Töchter lernen nun auch ihre "Muttersprache", den Dialekt, den sie immer verabscheut hat:
"Zu Hause sprachen Dede und Elsa gutes Italienisch, aber gelegentlich hörte ich sie vom Fenster aus oder wenn sie die Treppe hochkamen, und ich entdeckte, dass vor allem Elsa einen sehr aggressiven, manchmal auch obszönen Dialekt verwendete."
Sie wohnt mit Lila in einem Haus, in einer dunklen, häßlichen Wohnung. Die beiden nähern sich einander wieder an, nach langem Schweigen, wie schon so oft. Davor liegen die Zerstörung ihrer Ehe, die Vernachlässigung ihrer Töchter, Intrigen ihrer Schwiegermutter, erfolglose Phasen als Schriftstellerin und vor allem die bittere Enttäuschung über ihre große Liebe Nino Sarratore, der sich als Frauenheld entpuppt und ein Doppelleben führt:
"Mit der Zeit hatte ich mich zunehmend an seinen irrationalen Verführungsdrang gewöhnt, ich betrachtete ihn als eine Art Tick. Vor allem hatte ich mich daran gewöhnt, dass Nino bei Frauen sofort gut ankam. Aber irgendwann wurde mir auch das suspekt. Mir stach nun ins Auge, dass die Zahl seiner Freundinnen beeindruckend war und dass sie alle in seiner Nähe geradezu leuchteten. … Bei Nino zu sein, gab einem das Gefühl, sichtbar zu sein, vor allem für sich selbst, und das machte einen froh."

Den Schmerz betäuben

Lila ist erfolgreiche Unternehmerin und IT-Spezialistin geworden, sie hat es geschafft, ein kleines, innovatives Unternehmen aufzubauen, trotz mangelhafter Schulbildung. Aber der Schatten ihres Ex-Mannes und seiner Familie, die das Viertel beherrscht, bleibt. Der Versuch, die Solaras mit einem Aufsehen erregenden Text hinter Gitter zu bringen, misslingt. Das Schicksal meint es in ihren besten Jahren nicht gut mit ihr, sie muss einen schmerzhaften Verlust verwinden – und schafft nur, sich zu betäuben. Im Alter schließlich sucht sie sich eine neue Aufgabe: Die Entdeckung "ihrer" Stadt, Neapel, wird ihre Passion. Sie spürt ihrer Geschichte nach, forscht in Bibliotheken, trägt Wissen zusammen, erkundet sie in langen Ausflügen. Und irgendwann taucht sie ab, verschwindet aus dem Rione, diesem buchstäblich mörderischen Stadtviertel Neapels, das sich unauslöschlich eingegraben hat in die Biografien der beiden Freundinnen, so sehr Elena sich auch davon zu befreien versuchte.

Strahlend und finster

Ehrgeizig, vorsichtig und in ihrem Selbstwertgefühl stets verunsichert die eine - Elena - mutig, entschlossen und eindeutig die andere – Lila. Im letzten Band werden Mut, Kraft und Individualität der beiden Freundinnen noch einmal klar konturiert, ihre Stärken und Schwächen, die sich zugleich ergänzen und abstoßen. In psychologischer Feinzeichnung erleben wir sie in all' ihren Höhen und Tiefen – der Sieg über eigene Schwächen mündet oft in Niederlagen, aus denen sich die beiden stets wieder emporarbeiten. Und doch scheitern sie am Ende:
"Jede intensive zwischenmenschliche Beziehung ist voller Fangeisen, und wenn man will, dass sie von Dauer ist, muss man lernen, ihnen auszuweichen. Das tat ich auch .. und schließlich kam es mir so vor, als wäre ich nur auf den soundsovielten Beweis dafür gestoßen, wie strahlend und finster unsere Freundschaft war ..."

Eine Gestalt geben

Die neapolitanische Sage ist ein Glücksfall: Beste Unterhaltungsliteratur über den mühevollen Weg, sich nicht nur als Frau zu emanzipieren, sondern sich auch aus der gesellschaftlichen Zugehörigkeit zu einer armen und bildungsfernen Klasse zu befreien. Kleine Geschichten und große Geschichte verknüpfen sich auch in diesem letzten Band zu einem fesselnden Panorama: Der lebenslange Versuch, tief verwurzelten patriarchalen Strukturen zu entkommen, die Abbildung politischer Entwicklungen in Italien, Illustration der bitteren Folgen mafiöser Strukturen, Konkurrenz und Rivalität, Liebe und Eifersucht, Intrigen und Mord, das Älterwerden, die spannungsreiche Beziehung zwischen Müttern und Töchtern, detailgenau, fesselnd und atmosphärisch dicht erzählt – bis zur bitteren Erkenntnis der alt gewordenen Elena:
"Es geht immer nur um uns zwei: um sie, die will, dass ich das gebe, was zu geben ihre Natur und die Umstände ihr verwehrt haben, und um mich, der es nicht gelingt, das zu geben, was sie verlangt; um sie, die sich über meine Unzulänglichkeit ärgert und mich dafür auf ein Nichts reduzieren will … und um mich, die Monat für Monat geschrieben hat, um ihr eine Gestalt zu geben, deren Konturen sich nicht auflösen, um sie zu besiegen, um sie zu beruhigen und so auch mich selbst zu beruhigen."
(Christiane Schwalbe)

Elena Ferrante ist das Pseudonym einer anonymen italienischen Schriftstellerin, die 1943 in Neapel geboren ist und als wichtige Vertreterin zeitgenössischer Literatur gilt.

Informationen rund um die Neapolitanische Saga – vom Casting in Neapel für die Verfilmung bis hin zu Gewinnspielen, Newsletter und Lesungen - unter #ferrantefever.de und elenaferrante.de

Elena Ferrante "Die Geschichte des verlorenen Kindes"
Reife und Alter - Band 4 der Neapolitanischen Saga
Roman, "Storia della bambina perduta" übersetzt von Karin Krüger
Suhrkamp Verlag 2018, 614 Seiten, 25 Euro
eBook 21,99 Euro, Hörbuch 24,99 Euro

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"Die Geschichte der getrennten Wege" Band 3 - Erwachsenenjahre
"Die Geschichte eines neuen Namens" Band 2 - Jugendzeit
"Meine geniale Freundin" Band 1 - Kindheit und frühe Jugend

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