Maria Kjos Fonn
Kinderwhore

"Warum schlafe ich mit so vielen Männern, dachte ich, es gefällt mir doch gar nicht. Es gefällt mir nicht. Das war ein seltsamer Gedanke. Als ob ich eine Wahl hätte. Über meinem Bett hing das Plakat von Courtney Love. When I grow up I wanna be a kinderwhore. Ich nahm es ab."

 

Maria Kjos Fonn, Kinderwhore. Roman. CulturbooksÄngstlich und traurig

Das Plakat der Grunge-Sängerin abzunehmen, ist der erste Schritt für Charlotte, deren Mutter sich wie Courtney Love stylt – stark geschminkt, mit Kinderkleidchen. Eine Wahl hatte ihre Tochter viel zu lange nicht. Als sie ein Kind war, konnte sie ihre junge, tablettensüchtige Mutter kaum erreichen, hielt sich dennoch für verantwortlich und begann, sich selbst kaum mehr zu fühlen. Im Unterricht schrieb sie Geschichten, wie die von ihren beiden Feinden 'Ängstlich' und 'Traurig', an die sie nie mehr denken wollte, aber ihr Herz ausschalten musste, bis es ihr gelang.
"Es war einmal ein Mädchen, das weinte zum letzten Mal. Es zog alle Tränen auf eine Kette, die Tränen waren klar wie Glasperlen."

Niemals glücklich

In kurzen, schlaglichtartigen Passagen lässt die norwegische Autorin Maria Kjos Fonn Charlotte in vielen Abschnitten ihres Lebens zu Wort kommen: Wie einer der vielen Männer ihrer Mutter sie immer wieder missbraucht, als sie zwölf Jahre alt ist, wie sie zu trinken anfängt, selbst süchtig wird, die Kontrolle über ihren Körper zurückzugewinnen versucht, indem sie sich prostituiert und schließlich jeden Halt zu verlieren droht. Sie verletzt sich und andere, weil es lange unmöglich scheint, sich dem Schmerz zu stellen.
"Aber konnte man wissen, was Schmerz ist, wenn man niemals glücklich gewesen war? Die einzigen Anflüge von Glück, die ich verspürt hatte, hatte ich geliehen oder gestohlen und mit Zinsen oder Buße bezahlt."

Erschütternd und anrührend

Bis sie volljährig ist, hat sie viele Angebote des Jugendamtes und der Psychiatrie kennengelernt, doch gegen Trauma und Selbstverachtung hat sie sich gründlich eingemauert. Wie es ihr dennoch gelingt, einen Ausweg aus ihrem inneren Gefängnis zu finden, beschreibt der Roman eindringlich und in einer schönen, poetischen und zugleich nüchternen Sprache in der Übersetzung von Gabriele Haefs. Charlottes Bilanz eines fast verlorenen Lebens ist zutiefst anrührend, weil sie auf ihrem Weg aus der Kindheit weder die Abgründe ausspart noch den genauen Blick verweigert. Ein wichtiges, erschütterndes Buch über das Erwachsenwerden.
"Ich will aber ich selbst sein, sagte ich. Ich will wissen, was ich fühle, wenn ich es fühle."
(Lore Kleinert)

Maria Kjos Fonn, *1990, Journalistin, lebt in Oslo

Maria Kjos Fonn "Kinderwhore"
aus dem Norwegischen übersetzt von Gabriele Haefs
Roman, CulturBooks 2019, 256 Seiten, 20 Euro
eBook 12,99 Euro