Buchtipp
Romane


"Das Eigentliche"

Iris Hanika


Literaturverlag Droschl
2010
176 Seiten
19,-- Euro



Buchtipp von
Gabi von Alemann


Iris Hanika

* 18.10.1962, Würzburg
Schriftstellerin
lebt in Berlin



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"Das Eigentliche"

Iris Hanika


Mit ihrer kratzbürstigen Liebesgeschichte "Treffen sich zwei" hatte sich die Berliner Autorin Iris Hanika bis in die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2008 geschrieben. Nun hat sie einen neuen Roman vorgelegt, in Thema und Anlage um einiges ernster als sein Vorgänger, aber nicht weniger kratzbürstig.


Institut für Vergangenheitsbewirtschaftung

Hans Frambach ist Archivar im Institut für Vergangenheitsbewirtschaftung (!) in der Hauptstadt, das die deutsche Geschichte, sprich die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts, sprich den Holocaust "bewirtschaftet", wie Hanika es mit sarkastischer Frechheit nennt: Nachlässe jüdischer Emigranten wollen in aller Welt für das Archiv eingesammelt, eingesiegelt, abgestempelt werden; Tagungen wollen besucht, KZ-Überlebende als sogenannte "Zeitzeugen" einsortiert werden. Wir Deutschen haben, deutet Hanika an, eine geschmeidig laufende Vergangenheitsbewirtschaftungsmaschinerie entwickelt, komplett mit Auschwitzbesuchen, Holocaustdenkmal und weiteren Gedenkstätten. Das ist für Hans F. das "Eigentliche", dieses Deutschsein, an dem er leidet: Er ist unglücklich daran und darin.

Öffentliches und privates Unglück

Graziela S., vom Schicksal äußerlich nicht gerade mit Schönheit bedacht, ist ebenfalls unglücklich: mit sich selber und der Tatsache, dass ihr (verheirateter) Lover Joachim sie verlassen hat. Graziela ist mit Hans befreundet, er ist ihre Stütze bei der Bewältigung ihres missratenen Liebesverhältnisses; sie andererseits ist der einzige Mensch, um den er sich wirklich sorgt.

Bitter und komisch

Die wunderbare Sprachkünstlerin Hanika schreibt bodenlos traurig und dabei zugleich herzlos grimmig über das (deutsche) Unglück, das öffentliche und das private. Sie hält ihren Lesern den Spiegel in der Weise vor, wie es alle guten Narren zu allen Zeiten getan haben: Wir alle beteiligen uns an dieser Vergangenheits-"Bewirtschaftung" und nehmen uns heraus zu behaupten, wir hätten das Unsagbare im Griff. Ein bitter-komisches Buch - sehr lesenswert.

(Gabi von Alemann)