Anne Enright
Die Schauspielerin

"Nicht nur auf der Leinwand oder auf der Bühne, sondern auch am Frühstückstisch war meine Mutter Katherine O’Dell ein Star," und das hat die Tochter Norah, die als Kind vom Bühnenrand aus den irischen Liedern ihrer Mutter lauschte, weit weniger gestört, als man vermuten könnte - "Wenn ich ihr zuschaute, fühlte ich mich auserkoren, und unendlich allein."

 

Anne Enright, Die Schauspielerin. Roman. Penguin VerlagNach außen glänzend

Als eine junge Frau sie mit Fragen behelligt, weil sie den längst verstorbenen Star Katherine O’Dell in einer Doktorarbeit auseinandernehmen will, beginnt die alt gewordene Tochter, selbst Schriftstellerin, sich das Leben ihrer Mutter noch einmal vor Augen zu führen, auch nachdem ihr Mann ihr rät, sie solle "das verdammte Buch doch selbst schreiben". Doch was wir lesen, ist nicht das Buch, sondern eine weit verzweigte Überlegung, was eine Biographie über ihre Mutter, den Star, alles enthalten müsse, und wie sich ihr eigenes Leben in Abgrenzung und Zuneigung entwickelt hat, mit allen Irrwegen und Sackgassen. Eine traurige Liebeserklärung ist es in jedem Fall geworden:
"Meine Mutter war schon so lange tot, aber ich würde selbst heute noch alles dafür geben, sie aus der Kälte hereinzuholen."
Zugleich beginnt ein Herumirren im unbekannten Leben, von dem das Kind und später auch die junge Frau immer nur die – meist – glänzende Außenseite kennenlernen durfte.

Auf kleinen Bühnen

„Sie hat über ihr Alter stets geschwiegen, aber ich werde das Schweigen jetzt brechen. Jetzt, da der Tod die Uhr zertrümmert hat, die sie ein Leben lang zurückdrehen wollte. Ich hasse es, sie festzunageln.“
Katherine O’Dell festzunageln gelingt der Tochter Norah tatsächlich nicht, wohl aber nähert sich die Autorin Anne Enright der Substanz dessen, was Schauspielkunst ausmacht, mit großer Intensität an. Katherines Eltern waren rastlose Schauspieler auf kleinen Bühnen Englands, Irlands und der USA. Hier wird die junge Frau, die schon mit 13 auf der Bühne stand, zum Star, auch im Film, und zur Ikone Irlands, mit rotgefärbtem Haar, beträchtlichem Charme und der Bühnenmagie, die über die Liebe des Publikums entscheidet.
"Denn obwohl man sich nicht an den Text erinnern konnte, öffnete man den Mund, und der Text kam heraus. Es war wie eine Lücke im Verstand, die sich gleichzeitig auftat und füllte, und die Worte, die sie sprach, passten genau hinein. Es würden immer die richtigen sein."

Ausbeutung in Hollywood

Die Tochter erinnert sich, dass Katherine O’Dell auch nach ihrer Zeit als Filmstar im ausbeuterischen Studiosystem Hollywoods noch große Auftritte hatte, etwa als Mutter Courage oder zuletzt in Avantgardeproduktionen, und wie sie, "in Brand gesteckt durch das grelle Licht der Aufmerksamkeit", glaubt, ihrem Publikum zu Freude oder Schmerz zu verhelfen - und selbst im Werbespot für irische Butter noch Glanz verbreitet. Ihre detektivische Annäherung an die Mutter verhilft der Tochter jedoch nicht einmal dazu, ihr den Namen ihres Vaters zu entlocken, und aus allen Anekdoten ergibt sich kein klares Bild. In den bitteren 70er Jahren des Bürgerkriegs im Norden Irlands unterstützt die Schauspielerin die IRA, was aber für den Roman nicht weiter von Belang ist, und dass sie einem Filmproduzenten, der ihr eine Idee stahl, in den Fuß schießt und ihre letzten Jahre in einer Anstalt verdämmert, bleibt ebenfalls nur eine von vielen Geschichten über eine janusköpfige Mutter. Der Versuch, sie über die Auseinandersetzung der Tochter mit ihrer eigenen Entwicklung als junger und später verheirateter Frau genauer zu begreifen, misslingt der Autorin. Die Schilderung Norahs sexueller Eskapaden und Niederlagen bleibt in der Struktur des Romans eher irritierend.

Schattenseiten des Ruhms

Die komplizierte Liebesgeschichte mit dem späteren Ehemann, den sie schon als Studenten begehrte, verblasst vor den Einblicken ins Leben der Mutter und schrumpft zusammen zur Erkenntnis, dass die frühen siebziger Jahre keine schöne Zeit in ihrem Leben waren, ebenso wie die spätere Ehe nicht alle Hoffnungen erfüllte. Hier franst Enrights in vieler Hinsicht aufschlussreicher und unterhaltsamer Roman aus, und die mitunter willkürlichen Zeitsprünge lassen die Konzentration ermüden. Dennoch: Mehr als eine Liebesgeschichte zwischen Mutter und Tochter und einen schmerzlichen Blick auf die Unwägbarkeiten des Erwachsenwerdens bietet das Buch der irischen Booker-Preisträgerin allemal. Es beleuchtet die Schattenseiten des Ruhms und die Abhängigkeiten, die im Erschaffen von kreativen Phantasiewelten entstehen. Und ist doch zugleich eine große Hommage an diese Kunst.
"Katherine O’Dell reifte auf die schöne Art. Die Illusion wurde gewissermaßen fadenscheinig und die Schauspielerin dahinter in schmerzlicher Klarheit präsent. Es handelte sich um ein komplexes, zeitraubendes Herausschälen des Selbst, fast unerträglich anzusehen."
(Lore Kleinert)

Anne Enright *1962 in Dublin, vielfach ausgezeichnete Autorin, zählt zu den bedeutendsten englischsprachigen Schriftstellern der Gegenwart, lebt im County Wicklow/Irland

Anne Enright "Die Schauspielerin"
aus dem Englischen übersetzt von Eva Bonné
Roman, Penguin Verlag 2020, 304 Seiten, 22 Euro
eBook 15,99 Euro

Weiterer Buchtipp zu Anne Enright:
Rosaleens Fest