Anne Stern
Die weisse Nacht
„Schon so lange fotografierte sie, und doch war sie jedes Mal aufs Neue überrascht, ja fast erschrocken darüber, dass sie mit ihrer Leica die Macht hatte, die Gegenwart festzuhalten, den Moment einzusperren, längst Vergangenes sichtbar zu machen. Sie war mit ihren Fotos Herrin über die Zeit. Sie konnte in diese Zeit eintreten wie in ein Zimmer, das ihres war, und wieder hinausgehen, wann immer sie es wollte. Die gefrorene Zeit der Bilder gehörte nur ihr.“
Kriegstrauma
Die junge Fotografin Lou Faber ist im tief verschneiten Berlin auf Motivsuche, auf dem Weg zum Schwarzmarkt zwischen den Trümmern zerstörter Häuser und bei 12 Grad minus. Halb verborgen von einem Mauerrest: die Leiche einer Frau, mit gefalteten Händen vor der Brust. Ihr Foto löst eine polizeiliche Ermittlung aus, denn Kriminalkommissar König und sein junger Inspektor Trautwein haben kaum etwas anderes in den Händen als dieses aufschlussreiche Bild. Nach der ersten Begegnung der beiden neuen Protagonisten der Autorin Anne Stern nähern sich Lou und König einander behutsam an, denn die Traumata des Krieges haben sie beide gezeichnet, und ihre Hellhörigkeit für verschwiegenes Unrecht der Nazizeit sorgt im Laufe des Romans für eine tiefere Verbindung. Kommissar König zahlte in jahrelanger Haft einen hohen Preis für den einen Augenblick, als er sich als Soldat im Krieg dem Schießbefehl seiner Vorgesetzten auf jüdische Dorfbewohner widersetzte:
„Er erinnerte sich an die leise Verwunderung, aber auch die Ruhe in ihm, die er in dem Moment verspürt hatte, als er in Weißrussland die Waffe niederlegte und seinem Kommandanten sagte, er werde nicht mitmachen…König war standhaft geblieben und mit ihm noch zwei andere. Drei von Hunderten, alle anderen hatten die Gewehre angelegt und geschossen. Der Preis für König war Görden gewesen, sein Augenlicht, seine Gesundheit.“
Misstrauen
Lou Faber hatte einer kleinen Widerstandsgruppe angehört. Ihren Mann hat sie seit sechs Jahren nicht mehr wiedergesehen, die Hoffnung aber nie aufgegeben, und erst am Ende des Romans, in der kalten Silvesternacht 1946, öffnet sich eine Tür in eine mögliche neue Geschichte. Sie kennt ihre Stadt Berlin, mit ihrem Chamissoplatz im Zentrum ihres Lebens. Ein hart erworbenes Misstrauen gegenüber der Polizei und jeglicher Obrigkeit wird sie nur ganz allmählich aufgeben. Als weitere Tote auftauchen, fast immer mit unschuldig auf der Brust gefalteten Händen, verdichten sich die Hinweise auf die kranken Kinder, die in den Heilstätten der Nazis umgebracht wurden. Anne Stern hat diese Monate nach Kriegsende sorgfältig recherchiert, und sie verbindet die vielen unterschiedlichen Erlebnisse und Erfahrungen, als Berlin in Schutt und Asche lag und die Menschen schwiegen und hungerten, in sprachlich bemerkenswerter Eleganz und mit Gespür für die Verwerfungen der Geschichte. Ihr einäugiger Kommissar spürt, dass, als oben im alten Gemäuer in der Elsässer Straße die Polizeizentrale mit seiner Mordkommission neu eröffnet worden war, darunter ältere Schichten der Vergangenheit lagern:
„All diese Schichten der Wahrheit existierten nebeneinander, aufeinander, wie die Sedimente von Gestein und Kalk, die über Jahrhunderte, Jahrtausende, Jahrmillionen wuchsen und nicht mehr zu trennen waren. Und mit diesen unzuverlässigen, trügerischen Steinen mussten sie nun trotzdem die Stadt, das Land, ihr ganzes Leben wieder aufbauen.“
Wahrheit
Lou hilft König beim Entziffern der Zeichen, und der Kommissar beginnt, ihr zu vertrauen, weil er sich selbst nicht traut. Anne Stern verknüpft beider Geschichten mit realen Ereignissen, etwa wenn König an die toten Söhne des Leiters der Wittenauer Heilstätten Dr. Bonhoeffer, Klaus und Dietrich, denkt, während er der Wahrheit über die Morde näher kommt:
„Wenn er an die beiden Brüder dachte, die nun tot waren, erschossen wie Hunde, hatte er wieder das beklemmende Gefühl, dass andere ihr Leben im Widerstand gegen Hitler gelassen hatten, während er selbst nun hier auf dem kalten Fußboden der behelfsmäßigen Kripozentrale saß. Am Leben, aber mit dem schalen Geschmack der Feigheit im Mund.“
Mit König und Lou hat Anne Stern zwei Protagonisten erschaffen, mit denen sich wieder ein wichtiger Zeitraum der deutschen Geschichte mit all seinen Widersprüchen erkunden lässt: die Jahre, als aus den Sektoren der alliierten Siegermächte in Berlin eine geteilte und schließlich eingemauerte Stadt wurde.
(Lore Kleinert)
Anne Stern „Die weisse Nacht“
Der erste Fall für Lou und König
Piper Verlag 2026, 25,00€
eBook 19,99 Euro
