Kim Koplin
Die Toten von Morgen
Berlin, jetzt - ein Mann mit Kopfschuss wird unter der Caprivibrücke in Charlottenburg aufgefunden, keine Papiere, keine Zeugen, aber eine teure Uhr am Handgelenk. Der jungen Kommissarin mit den aserbeidschanischen Wurzeln, Nihal, wird rasch klar, dass die Drogenszene Berlins eine Rolle dabei spielt, und ein Bandenkrieg beginnt, in dem es um viel Geld geht, mit weiteren Toten.
Die Toten von Morgen
Der Autor hinter dem Pseudonym Kim Koplin erspart seiner Akteurin nichts: nicht nur liegt ihr Vater im Sterben, ihr Bruder, den sie selbst in den Knast brachte, widersetzt sich jeglicher Besserung, und zu allem Unglück taucht auch Saad wieder auf, mit seiner kleinen Tochter Leila, die sie wie eine Tochter liebt. Hamburg und die beiden hatte sie verlassen, um der Liebe und der Schwäche, die sie mit sich brachte, zu entgehen.
„Sie hatten einander. Aber Einander hat zwei Seiten: Die eine ist die, auf der du niemals alleine bist, selbst wenn der andere nicht da ist. Die andere Seite ist die, die dir die Luft abschnürt, weil der andere immer da ist. Selbst wenn er nicht da ist. Wäre Saad mit klargekommen. Nihal nicht.“
All ihre Narben sind aus dem ersten Band der Berliner Schattenwelt-Reihe Koplins bestens bekannt und schmerzen von neuem. Die besondere Beziehung der drei unterlegt die rasante Krimihandlung mit einer Zartheit und Melancholie, die die gewalttätige Action mit umso größerer Spannung auflädt. Saad, der eigentlich auf Einbürgerung hofft, hat sein Leben in Deutschland auf einer Lüge aufgebaut.
„Damaskus ist die Lüge, auf der Leilas und sein Leben aufgebaut ist. Dass sie aus Syrien stammen, Leilas Mutter gestorben ist, als Leila noch ein Baby war, sie als Flüchtlinge nach Berlin kamen.“
Diese Tarnung droht aufzufliegen, denn mit den neuen französischen Akteuren im Kampf um den Drogenmarkt teilt er eine Vergangenheit, die von Gewalt und Mord bestimmt war. Die Sorge um das Kind Leila ist zum Fixpunkt seines unruhigen, immer wieder in Richtung Kriminalität abdriftenden Lebens geworden. In kurzen Kapiteln und rasanten Perspektivwechseln ist man in dicht bei den Protagonisten, deren Geschichten sich schmerzhaft aufeinander zu bewegen. Ihre Sprache der Straße ist in höchstem Maße authentisch, - ein besonderer Sound, zugleich differenziert und klischeefrei. Das hohe Tempo wird vor allem durch Nihal bestimmt, die vor keiner Grenzüberschreitung zurückschreckt, obwohl sie durchaus über einen klaren Kompass für Richtig und Falsch verfügt. Entspannung aber ist nicht ihre Sache.
„Selbst die Entspannung schmerzt. Schon sonderbar: Immer ist es der Schmerz, durch den sie lernt. Ohne Schmerz kapiert sie’s einfach nicht. Ist beim Sport nicht anders als bei der Arbeit. Oder in der Liebe. Manchmal wird das verwechselt.“
Dennoch ist sie auf ihre eigenwillige Weise reflektiert, geprägt durch ein hartes Leben und in der Lage, sich denen zuzuwenden, die am Rande der Gesellschaft um ein bisschen Würde, eine Hoffnung auf Zukunft kämpfen. Auf die bereits beschlossene Verfilmung von Koplins Romanen kann man sich freuen, denn die Verknüpfung von privaten Verstrickungen und aktueller Großstadtkriminalität, von menschlichen Verfehlungen und mutigen Entscheidungen sorgt für Hochspannung.
(Lore Kleinert)
Kim Koplin „Die Toten von Morgen“
Suhrkamp 2026, 18,00 €
eBook 15,99 €
