Denise Mina
Die große Hitze
„Das Dancers war ein Nachtclob der wilderen Sorte, wo es für Geld alles gab, egal wie illegal. Da wurde gesoffen wie am Vorabend der Prohibition. Ich brauchte keine Wegbeschreibung. Ich wusste, wo ich hinfuhr.“
Korrupte Polizisten
Hitzewelle in L.A., Ende der 30iger Jahre: Marlowe, unzufrieden mit der Aufklärung eines Mordes in seinem letzten Fall, soll Chrissie, die verschwundene Tochter des schwerreichen und bösartigen Patriarchen Montgomery finden, und er taucht tief in die Abgründe der Stadt. Während er die junge Frau aufspürt, geschieht ein weiterer Mord. Korrupte Polizisten, alle Arten von Verlierern und eine ganze Reihe besonderer Frauen kreuzen seinen Weg durch die Bars und geheimen Verstecke der Stadt.
„Diese Bar war tragisch und dann ungestüm und dann wieder tragisch, zwei Seiten derselben Medaille. Da rumzuhängen brachte mich ins Grübeln über Fragen, die ein Mann in den besten Jahren sich nicht stellen sollte, zum Beispiel, welchen Sinn das alles hatte und ob man wirklich Zähne brauchte.“
Eine Flasche mit billigem Fusel ist immer gut, um den Widrigkeiten des Lebens zu begegnen, das war Philip Marlowes Rezept bei Raymond Chandler. Denise Mina folgt seinem Schöpfer, doch ihr Detektiv ist nicht nur tough, melancholisch und auf seine sehr eigene Weise integer, sondern weniger Macho und Frauenverächter, und das tut dem Roman gut.
Reiche Erbin
Denise Mina hat viele Elemente von Raymond Chanler Romanen genutzt und sehr genau recherchiert, um die dichte Atmosphäre von Chandlers Romanen neu und angemessen sarkastisch zu erschaffen, in höchst origineller Sprache. Auch wenn die Erfahrung dagegen spricht, versucht er der armen, reichen Erbin Chrissie, rasch gefunden, zu helfen, denn anders kann er nicht. Was ist schon Erfahrung, wenn eine ‚Lady in Distress‘ Hilfe braucht.
„Ich kann niemandem nahe sein und niemanden wirklich in meiner Nähe haben. Ich kenne nicht einmal meinen eigenen Sohn. Ich bin ein Vehikel für das Familienvermögen und er auch, wir sind bloß Behälter für das Geld, für den Namen, damit alles weitergeht, weiter und immer weiter. Mein Vater hat meine Mutter benutzt, um ein Behältnis zu zeugen, und dann hat er sie weggesperrt, als sie eigene Wünsche hatte. Sie ist da drin gestorben.“
Geschichten wie diese, ob von Chandler oder Denise Mina als erster Frau, die seine Figur weiterschreiben durfte, gegen nicht wirklich gut aus, aber sie entwickeln einen unwiderstehlichen Sog. Die Detektivin Anne Riordan, fast seine heimliche Liebe und bekannt aus Chandlers „Farewell, my lovely“, hat ihren Auftritt in Minas Roman und weckt alle verborgenen Sehnsüchte des Einzelgängers mit den gut verborgenen Schwächen.
„Ich sah sie diesem vollkommenen Licht, das Leuchten vom Meer verpasste ihr fast einen Heiligenschein. Ich sah sie alt und mich alt, wie wir immer noch hier saßen, endlose Lunches verspeisten und uns kabbelten.“
Dickicht der Stadt
Doch die schöne Frau, die er als Detektivin nicht einstellte und so zwang, ein eigenes Büro zu eröffnen, kommt ihm in die Quere, als er versucht, die reiche Erbin zu schützen, und ein reizvoller Tanz beginnt, denn nicht alle Frauen sind auf Hilfe aus. Denise Mina verfolgt Marlowes Weg durch das aufgeheizte Dickicht der Stadt mit großem Einfallsreichtum, inspiriert vom Klang und Rhythmus jener Jahre: Eine rastlose, klaustrophobische Reise auf Chandlers Spuren in eine vergangene Zeit erwartet uns, belebt durch den scharfen Blick der Glasgower „Queen of Crime“ auf fortwährenden Rassismus und Frauenhass.
„Da siehst du regelrecht den Schriftsteller Chandler vor dir, wie er denkt: Keine Ahnung, wie das jetzt weitergeht. Mit der Nebenhandlung signalisierst du den Lesenden: Keine Sorge, ich weiß, was ich tue, bleibt dran, es lohnt sich. Wenn ihr die ziellosen Momente mit mir durchsteht, wird alles gut.“(Denise Mina im Interview mit Nancie Clare auf Crimereads)
(Lore Kleinert)
Denise Mina „Die große Hitze“
Deutsch von Else Laudan
Ariadne Verlag mit Argument 2026, 305 S. 24 Euro
eBook
