Alisha Gamisch
Parasiti
Longlist Deutscher Buchpreis 2026
„Ich werde in Odesa anfangen. Vielleicht können Orte bessere Antworten geben als Menschen…Sie will die Kilometer, die in ihren Genen liegen, zurückspulen wie eine Kassette aus ihrer Kindheit. Sie will an den Seilen ziehen, um zu sehen, wie weit sie nachgeben.“

Ein weiter Weg, den Rina, die Enkelin, noch vor sich hat. Ihre Einsicht, dass aus den Erinnerungen von Großmutter, Mutter und Tante nur Bruchstücke zu gewinnen sind, steht am Ende dieses großartigen Romans. Vom Wohnen im ‚Russenhaus‘, dem ersten Quartier in der deutschen Bundesrepublik der 70er Jahre, zwei Zimmer mit Klappbett in Fürstenfeldbruck, hatte sie einiges erfahren, doch die Lücken waren groß, das Verschweigen beabsichtigt, und sie selbst wurde als Kind noch als Russin beschimpft.
„Manchmal fühlt es sich an, als wären die Vorstellungen von Mutter, Tante und Großmutter um sie geschlungen wie Seile. Sie zupft an den Knoten, aber bekommt sie nicht auf. Könnte Rina die Knoten lösen, würde sie die Seile triumphierend abstreifen – und dann? Vermutlich würde sie sich nackt fühlen, wenn sie ehrlich ist. Sie ist ein sorgfältig geschnürtes Päckchen, festgehalten und behütet.“
Leserinnen und Leser lernen die Stationen auf dem weiten Weg der russlanddeutschen Familie in Zeitsprüngen und wechselnden Perspektiven kennen, in all ihrer Härte, scheinbaren Aussichtslosigkeit und Trauer. In der Verknüpfung der Geschichten von Großmutter und Tante mit der Suche der Enkelin Rina nach der Geschichte ihrer Familie liegt der große Reiz des Romans: Wissen und Nichtwissen treffen scharfkantig aufeinander, und man begreift, warum das Schweigen zum Schutz wurde, für die, die grauenvolle Zeiten erleben mussten und alles daran setzten, zu vergessen und ihre Nachkommen vor diesen Erinnerungen zu schützen.
Schweigen als Schutz
Zu Beginn, als Abtreibungsgegner kleine Embryofigürchen in die Briefkästen verteilen, verstummt Rinas Großmutter Lydia jäh. Ein Trauma ihres Lebens holt sie ein, und sie kann ihre Geschichte nicht mehr erzählen. 1961 lebte sie noch in Sibirien, eine sehr junge Frau mit Säugling, und in einem Zeitsprung wird ihre Geschichte erzählt, die in Odessa begann, als Tochter von Wolgadeutschen.
„Eine von Lydias frühesten Erinnerungen ist der Gestank verbrannter Menschen, der über der ganzen Region Odesa hing wie ein unsichtbarer Dämon, der den Lebenden Angst und Entsetzen einflößte.“ Die Juden wurden beim deutschen Einmarsch in die Ukraine ermordet, die nichtjüdischen Deutschen von der Wolga erst in den sogenannten Warthegau deportiert, dann nach Deutschland. Nach dem Sieg der Roten Armee wollten viele wieder zurück, kamen aber nicht, wie sie hofften, nach Odessa, sondern nach Sibirien, wo sie auf die Schwarzmeerdeutschen trafen, die man zuvor bereits nach Georgien und Kasachstan verschleppt hatte.
„Die Erdhütte, nicht viel mehr als ein Loch mit dicken Holzbalken an der Decke, das waren zehn Quadratmeter, vollgepackt mit Frauen und Mädchen … und dazwischen Lydia“.
Für die Russen waren sie in der harten Nachkriegszeit alle Faschisten, und nach der Zeit der Erdhütten vegetierten sie in Barackensiedlungen, zur Zwangsarbeit gezwungen, um nicht als „Parasiti“ bestraft zu werden.
Erzwungene Sexualität
Die Geschichte Lydias steht für die der Frauen, die ums Überleben kämpften, vielfach vergewaltigt wurden oder sich mit Männern zusammentaten, die nur wenig Schutz boten, so wie ihr junger Ehemann Sashka, der Musiker mit den schönen Augen, der zum Alkoholiker wurde. Verhütungsmittel gab es für sie jahrelang nicht, sodass die russische Abtreibungsklinik mit schmerzhaften Ausschabungen den einzigen Ausweg bot. Über Sexualität wurde geschwiegen, und sie wurde zum weiteren Feld von Ausbeutung und Sprachlosigkeit. Welche Verwundungen Lydia und die Frauen um sie herum davontrugen, und mit wieviel Tapferkeit und Zähigkeit sie gegen ihr Unglück ankämpften, erzählt Alisha Gamishs erster Roman mit großer Zärtlichkeit und erzählerischer Kraft, die zu begreifen versucht und auch das Unbegreifliche zur Sprache bringt. Als Stalin starb, brachen auch die Verschleppten in Tränen aus:
„Wer konnte schon wissen, ob er wirklich verantwortlich war für ihr Leid, er war der große Vater. Die Trauer über ihr eigenes Schicksal, über das Gerade-so-Überleben in den Viehwaggons, die Sehnsucht nach Odesa – all das konnte in die Tränen hineingeweint werden, die der Tod eines Staatsführers anordnete.“
Verzweiflung und Überleben
Trauer und Sehnsucht waren immer auch mit Härte und dem Kampf ums eigene Überleben verbunden. Die junge Lydia setzt alles daran, ihre einzige Tochter, Rinas Mutter Elvira, zu retten und zu schützen. Zugleich ist sie gezwungen, sich um ihre von der Mutter verlassene Nichte zu kümmern, „das Fledermauskind, die Jelenatochter“, deren richtigen Namen, Valli, wir erst viel später erfahren. Sie lässt sie in Novosibirsk zurück, als es ihr gelingt, zunächst zu Verwandten nach Estland auszureisen. Nachdem Willy Brandts Regierung für Erleichterungen sorgte, holt sie sie später zu sich und nimmt sie mit nach Deutschland.
„In ihrem Kopf war die Tante in einem Moment die böse, herzlose Teufelin, die sie zurückgelassen hatte, im nächsten Moment die betrogene Halbmutter, der sie in den Rücken gefallen war, und wieder im nächsten eine Quasi-Heilige, die sie aus dem Dreck in der Barackensiedlung geholt hatte. Diese drei Tanten tanzten ihr abwechselnd im Kopf herum, und manchmal spielten sie alle drei gleichzeitig Verstecken.“
Valli, inzwischen in ihren Sechzigern, erzählt der Enkelin Rina über die Zeit in Sibirien, erinnert sich an ihre eigene Wanderung und fügt den wenigen Erinnerungsfacetten weitere hinzu, doch auch ihre Geschichte ist schmerzhaft und bleibt bruchstückhaft. Dennoch sorgt sie für die inzwischen alt gewordene Lydia, denn die Bindung ist stärker als die eigenen Wünsche.
„Auf der Arbeit ist sie damit beschäftigt, ihren Akzent zu verbergen, falsche Wörter zu vermeiden, mit der Tante kann sie reden, wie sie will, da ist immer dieses Plätzchen auf dem Chamäleonsofa, auf dem man unsichtbar wird.“
Familiären Verstrickungen und lebenslangem Schweigen nähert die Autorin sich auf einfühlsame Weise an, indem sie die Folgen von Krieg und Gewalt für drei Generationen von russlanddeutschen Frauen bloßlegt und in die Zonen vordringt, in denen der Schmerz verborgen und unverarbeitet konserviert wurde. Die große Stärke ihres ersten Romans ist zugleich, dass sie die Voraussetzungen erkundet, die ein Gespräch erst möglich machen.
Lore Kleinert
Alisha Gamisch "Parasiti"
Roman, Verlag Voland & Quist, 2026, 226 Seiten, 24,00 Euro
