Dörte Hansen
Broder
„Die alten Großtierärzte sind wie Angler oder Jäger, sie erzählen gern Geschichten ihrer Heldentaten. Sie sind die Retter im Rektalhandschuh, Großmeister der Besamungstechnik. Götter im Gleitschleim! Besiegen jede Seuche, retten jedes Rennpferd, fürchten keinen Bullen. Er hat das alles schon von seinem Vorgänger gehört.“

Geglaubt hat er die Heldentaten kaum mehr, der Großtierarzt Broder Bahnsen, in dessen Landpraxis Andere für die Meerschweinchen, Katzen und Schoßhunde zuständig sind. Für seinen Zwillingsbruder Henning, der den Bahnsenhof übernommen hat, schreibt er keine Rechnungen, doch als die industriell perfektionierte Vieh- und Milchwirtschaft immer mehr auf Kosten der Tiere geht, wird der Graben zwischen den einst symbiotisch verbundenen Brüdern immer tiefer. Broder wäre selbst gern Bauer geworden, doch als der zwei Minuten Ältere den Hof bekam, folgte er seiner Schwester nach Südfrankreich auf eine Landkommune und wurde schließlich Tierarzt und Ehemann einer erfolgreichen französischen Malerin.
„All die anderen, die Arbeiter- und Bürgerkinder, Künstlerinnen, abgebrochenen Studenten, die hier miteinander ackern wollen, Wein anbauen, käsen, töpfern, weben, lebten ihren Traum. Und er versuchte, seinen zu begraben. Broder Ohneland, der keinen Plan mehr hatte, keinen Hof und ganz bestimmt keine Vision.“
Dörte Hansen verwebt die Träume, Erinnerungen und Herausforderungen des Tierarztes in ihrer eleganten, genauen Sprache mit den Perspektiven derer, die auf dem Hof leben. Die des Altbauern Paul, der die Tiere in den Ställen noch immer besucht und begutachtet, der Ehefrau Hennings, Ellen, die mit der Trauer um ihr früh verunglücktes Kind lebt, ebenso wie schon ihre Schwiegermutter Marga. Die Autorin weiß, was die Bauernfamilien zusammenhält, und sie beschönigt oder romantisiert weder die neuen, ökologischen Bestrebungen noch denunziert sie den Zwang, die großen Höfe durch industrielle Neuerungen überleben zu lassen. Der Altbauer, Vater der ungleichen und doch so eng verbundenen Zwillinge, blickt mit Sorge auf die scheinbar unausweichliche Entwicklung:
„Sie sind ihm unheimlich, die großen, hageren Gestelle mit den Rieseneutern und den langen Zitzen. Wie eine neue Tierart. Früher passte man die Melkmaschinen an die Tiere an, jetzt ist es umgekehrt. Man züchtet Euter, die zu einem Melkroboter passen, und die Kühe geben doppelt so viel Milch wie früher. Sie werden immer größer, und er selbst wird immer kleiner.“
Er fragt sich, was nach den Erneuerungen Hennings kommen wird, nicht ahnend, dass die Abhängigkeit von Marktpreisen und politischen Auflagen auch in der Katastrophe enden könnte. Der Hof, für ihn ein großes Tier, den man ein paar Jahrzehnte hütet, bis es ein anderer übernimmt. Auch die Zweifel und geheimen Ängste der Hofbewohner und der mit ihnen untrennbar Verbundenen bringt die Autorin zur Sprache, und wie ein leiser, geheimer Ton zieht sich tiefe Traurigkeit durch den Roman, gespeist durch die Müdigkeit nach dauerhaft harter Arbeit, durch Enttäuschungen, durch die Ängste, die man erbt, wenn man an den Hof gebunden ist und auch dann, wenn man ihn nicht bekommt. So wie der Tierarzt, dessen Tochter ihm droht, ihr Studium zur Tierärztin abzubrechen, weil sie den Umgang mit den Nutztieren im modernen Großbetrieb nicht erträgt.
„Er wünscht, er hätte ein Gerät, das für ihn denkt und fühlt und atmet. Es wäre schön, sich selbst für eine Weile los zu sein, sich an die kosmische Maschine anzuschließen wie an einen Tropf. Nicht für immer, nur für ein paar Tage oder Wochen. Solang es eben dauert, eine Lebensmüdigkeit mal richtig auszuschlafen.“
Wie umgehen mit Trauer und Verzweiflung? Mit genauem Blick und tiefem Verständnis lotet Dörte Hansen die Möglichkeiten aus, die den Frauen und Männern in unterschiedlicher Weise möglich oder auch verschlossen sind. Den Müttern, deren Kinder früh starben, wie Marga und Ellen, die die Gräber pflegen, „Frauen wie sie selbst. Fleißsterne sammelnd, Schuld vergrabend, Scham vermeidend. Es hört nie auf.“ Die, die das Dorf hinter sich ließen, und jene, die wie Broder Jahrzehnte später zurückkehrten, haben andere Spielräume als die Menschen, die an ihr Dorf gebunden blieben, und erst die Jüngeren wie Ellens Tochter Maibritt haben die Chance, sich für Veränderungen zu öffnen. Und wenn eine Katastrophe tatsächlich geschieht, fängt das Dorf vieles auf.
„Das Dorf hat alles schon gesehen, alle nur denkbaren Tragödien in Ställen, Küchen, Werkstätten, auf freiem Feld, mit Landmaschinen oder ohne. Bei Todesfällen springt es an, verlässlich wie ein Rettungswagen.“ Und die Hoftragödien sind zugleich Öl fürs Getriebe des dörflichen Diskurses, vor allem, wenn es einen der großen Höfe trifft. Auch diese unterschwelligen Verknüpfungen von Neid und Hilfsbereitschaft erkundet die Autorin mit scharfem Blick und immer aus der Perspektive der Menschen, um deren Leben es ihr in diesem großen Roman geht. Sie erschließt es uns auch in ihrem vierten Roman in einzigartig poetischer Weise.
Lore Kleinert
Dörte Hansen, *1964 in Husum, Schleswig-Holstein, Redakteurin und Autorin für Hörfunk und Print, lebt in Nordfriesland
Dörte Hansen „Broder“
Roman, Penguin Verlag 2026, 224 Seiten, 26,00 Euro
Weiterer Buchtipp zu Dörte Hansen
Dörte Hansen, Zur See. Roman, Penguin-Verlag
