Dora Kaprálová
Die Mariborhypnose
„Eine Hypnosewolke zieht uns wie Sklaven absoluter Wahrheiten von Nord nach Süd, von West nach Ost und andersherum, von der künstlichen Intelligenz zur Klimakrise, von Autokratien und Diktaturen zu buddhistischen Meditationsübungen und Startups.“

Die Reisende begibt sich mit rotem Koffer auf ihre Expedition nach Maribor, begleitet von Magie und Hypnose, um den Irrwegen digitaler Verführungen zu entkommen und eine Wirklichkeit zu erkunden, die anderen Gesetzen folgt. Unergründlich unsicher erscheint ihr das Leben, ebenso wie das Schreiben und auch darum kreist dieser Roman, nimmt Bezug auf andere Autoren und Schriftstellerinnen, und das nicht ohne hin und wieder bissige Seitenhiebe:
„Werde ich in ein paar Jahren in billigen Hostels übernachten und Speisesäle mit einem affektierten Bonjour betreten? Werde ich zu einer jovialeren Version von Annie Ernaux und mit der Zeit über Sex mit zufälligen jungen Männerbekanntschaften schreiben? Bonjour Jugend, womit kann ich auf Eure Rechnung bedient werden?“
Wegweisend wird ihr die Stubenfliege, deren kleine Facettenaugen alles in Partikel zerlegt sehen, beschleunigt „wie bei einer Fahrt mit einem Kettenkarussell, speedy, unscharf“. Immer wieder taucht sie auf, verhilft zur Veränderung der Blickrichtung, gibt Anstöße zur Verwandlung, vermehrt sich. Dazwischen die Erkundung Maribors, die keineswegs als Baedekerband enden wird, sondern mit der Geschichte zwischen den Zeiten jongliert und, ganz im Sinne der herumschweifenden Stubenfliege mit „dem Herz eines hilflosen Engels“ anderen Gesetzen als denen der Linearität folgt.
Zauberkunststücke im Maribor der Zwanziger Jahre
Eine Liebesgeschichte aus dem verlorenen Jugoslawien zu Beginn des 20. Jahrhunderts schiebt sich ins Blickfeld der Reisenden, die des begnadeten Hypnotiseurs Leo Svengali und seiner Partnerin Elis mit den starken Nerven und dem goldenen Herzen, an der später auch Partisanenführer und Staatsmann Tito Gefallen fand. Zusammen bilden die beiden eine schwebende Skulptur, wenn Svengali Elis hypnotisiert, sie waagerecht und in katatonischem Zustand in die Luft hebt und die Naturgesetze für einen Moment scheinbar außer Kraft setzt. Ein Grenzgänger, der weiß, dass Illusionen nur für kurze Zeit trösten und kollektiver Wahn viel gefährlicher ist.
„Wir sind es, die eure Leere, euren Alltag, eure Müdigkeit füllen, wir sind hier für euch und wir sind hier auch für diejenigen, die nicht mehr da sind. Wenn ihr an unsere unterhaltsam-unschuldige Illusion glaubt, wird sich eure Welt nicht auflösen, nicht verschwinden oder zersplittern wie eine Glasschale, getroffen von einem Schrapnell menschlichen Unglücks.“
Eine Reise durch eine verschwundene Welt
Dora Kaprálová ist sich der Geschichte menschlichen Unglücks, nach der Oktoberrevolution, dem Zerfall Jugoslawiens, der blutigen Kriege, der Propagandalügen durchaus bewusst. In diesem Sinn kritisiert sie die gefährliche Illusion eines Schreibens, das die Wirklichkeit bekämpft. Ihre Wirklichkeit ist jedoch frei von den Fesseln jeglicher Ideologie und umfasst größere Räume, die der Phantasie, der menschlichen Kraft der Imagination. „Wir sind nicht nur ein Wesen. Wären wir nur eines, wären wir schrecklich einsam.
Wie im Traum, oder besser in Gesellschaft einer kleinen Fliege wird sie Zeugin einer Verwandlung, in der der hundertjährige kroatische Marionettenspieler Mirko Grubic im Zentrum von Maribor, der „einzig wahre Geist des slowenischen Maribor“, sich als Svengali, dem Meister der weißen Magie, in ihrem Universum wiederfindet und mit seiner längst verlorenen Elis eine neue Reise beginnen kann. Doch darüber mehr zu verraten, würde den Genuss an der Mariborhypnose der vielstimmigen, facettenreichen Erzählerin und ihrer begnadeten Autorin schmälern.
„Im Kopf summen Elis und Svengali zweistimmig, die Stimme aller Illusionisten, Träumer, Unwissenden, Naiven, Unscharfen, kaum Sichtbaren, die Stimme der erleuchteten Einfaltspinsel und Irren: Für alles ist es zu spät, nur nicht für die Liebe.“
Lore Kleinert
Dora Kaprálová, Die Mariborhypnose
Roman, aus dem Tschechischen von Nataša von Kopp. Microtext Verlag Berlin 2026, 164 Seiten, 24,00 Euro
