Adania Shibli
Täuschung
„Aus den schimmernden braunen Ästen, auf die jetzt der Regen fällt, werden schon Mitte des Winters tiefgrüne, feine Blättchen treiben. Wenige Tage davor werden Blüten erscheinen: weiße, frische Blütenblätter werden sprießen; ein kräftiger Wind wird aufkommen, wird sie zausen und vom Blütenboden reißen, an dem sie sich festhalten.“

Schließlich wird man Mandeln von diesen Bäumen ernten, und wenn der Sommer seinen Gang geht, werden auch die Oliven reifen. Es sei denn, die Bäume wurden herausgerissen, hier eine erste Anspielung auf die Situation der Palästinenser in den besetzten Gebieten. Die Pflanzen haben in Adania Shiblis Roman Namen und eine Zukunft, die beiden Hauptfiguren, zunächst noch Schülerin und Schüler zu Zeiten der ersten Intifada jedoch bleiben namenlos. Vier Jahre war der Schüler inhaftiert, weil er Parolen an die Wände schrieb, und er wird sein Schweigen nicht überwinden, sondern konzentrieren. Das einzige Mal, als er viel später, jetzt schon als Hilfsarbeiter, einer jungen Frau am Strand seinen Namen sagt, steht sie auf und geht. Später, als Handwerker, der Schnitzereien für die Touristen anfertigt, trifft er die Mitschülerin wieder, sie, jetzt Übersetzerin für einen Journalisten, hat ihr Studium zwar beendet, doch welche Zukunft möglich ist, bleibt fraglich.
Ort- und Zeitlosigkeit
Shiblis Roman entfaltet die Perspektivlosigkeit und die Mühen, den Alltag zu bewältigen, parallel in beiden Lebensläufen der jungen Palästinenser: die Frau verzweifelt an ihrem Studium an einer israelischen Universität, das sie weitgehend verpasst, zu müde, zu allein, voller Scham über mangelnde Sprachfähigkeit. Sie versteckt ihren arabischen Akzent, arbeitet als Reinigungskraft für Menschen, die durchaus auch hilfsbereit sind. Adiana Shibli lotet sehr genau aus, wie sehr auch das Annehmen von Hilfe eine stabilere Identität voraussetzt als es der jungen, namenlosen Frau gegeben ist. Im Wechsel spiegelt die Autorin die bemerkenswerten Anstrengungen des jungen Mannes, etwas zu erschaffen, das ihm nach dem Gefängnisaufenthalt ein Leben und einen Ausweg bietet. Als er wieder einmal seine Anstellung verliert, schnitzt er ein Pferd.
„Diese Arbeit dauert viele Stunden. Zahlreiche freie Tage muss er über seine Figur gebeugt verbringen, muss glätten, muss da und dort an den Extremitäten Korrekturen vornehmen und muss das Stirn- und Schwanzhaar wellen.“ Er schenkt es seiner Mutter, der Falafelverkäuferin, die als kleines Mädchen für das Pferd ihres Vaters verantwortlich war. „Dieses Pferd war in den Worten seiner Mutter in jenen Tagen das einzige Wesen, das ihr in einer von Grausamkeit und Brutalität durchtränkten Welt etwas Liebe schenkte.“
Poetische Sprachkraft
Bisweilen schimmern Spuren von Kraft, von Entschlossenheit im Leben der beiden namenlosen Protagonisten auf, und die Autorin findet brillante Sprachbilder, mit denen sie ihr „Panorama der palästinensischen Identität“ über den Grundton der Hoffnungslosigkeit hinaus ausbreitet. Der Weg des Terrorismus bleibt vollständig ausgespart, es geht der renommierten palästinensischen Schriftstellerin mit israelischem Pass in ihrem zweiten Roman um die Auswirkungen der Sprach- und Ziellosigkeit junger Menschen, um den Verlust der Hoffnung auf eine angemessene Zukunft. Das Geheimnis einer Pinie, eines Baums, der, obwohl tot, doch grün bleibt, wird zum zwingenden Bild für die Folgen verpasster Lösungen für einen Staat Palästina. Und für unzerstörbare Hoffnung:
„Seine rötlich orange Rinde, die Farbe des Himmels am Horizont bei Sonnenuntergang, ist seit mehr als drei Jahrzehnten unverändert geblieben und umhüllt noch immer den Stamm, der unfähig ist, weitere Jahresringe zu bilden, wie es lebende Bäume alljährlich tun. Doch sein inneres Gewebe versorgt die Nadeln weiterhin mit Nahrung und erhält sie grün, damit sie es lebenden Bäumen gleichtun können.“
Lore Kleinert
Adania Shibli, Täuschung
Roman, aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich. Hanser Verlag 2026, 203 Seiten, 24,00 Euro
