Shida Bazyar
„Die Lücken“
Als Roman des Jahres 2026 hat die Jury des Deutschen Buchpreises Shida Bazyars „Die Lücken” ausgezeichnet.

Begründung:
„Heimisch in Heimesbach – kann man das sein? Der Roman „Die Lücken“ von Shida Bazyar reflektiert anhand einzelner Figurenschicksale fast 100 Jahre ambivalenten deutschen Lebens. Es waren Nachbarn, die zusahen, wie jüdische Menschen aus den Straßen verschwanden. Es sind Nachbarn, die Entscheidungen treffen, ob Menschen mit Migrationsgeschichte sich zu Hause fühlen. Die Autorin wählt überzeugende literarische Strategien: Der Blick einer toten Erzählerin und die kaleidoskopische Struktur des Textes ermöglichen es, zwischen den Zeiten zu springen sowie Nähe und Distanz zu erzeugen. Auch die enge Verbindung von fiktiven und dokumentarischen Elementen, von erfundenen und historischen Figuren, die selbst eine Stimme bekommen, erzeugen den starken Nachhall des Textes. Ein Roman gegen Gleichgültigkeit.”
Aufmerksamkeit schaffen
Shida Bazyar ist in diesem Dorf geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen - in eine Schule, einst gebaut wurde auf dem Grundstück einer jüdischen Familie, die von ihrem Besitz vertrieben wurde. Das ist eine der Geschichten aus ihrem Roman, in dem sie den Gedächtnislücken nachspürt, den gewollten und den verdrängten. Denn alle Bewohner haben von Judenverfolgung und Holocaust gewußt, aber so getan, als sei das woanders geschehen und nicht vor ihrer eigenen Haustür. Sie will – so sagt sie in einem Interview des Deutschlandfunks weiter – Aufmerksamkeit schaffen für die Geschichte ihres Heimatdorfes, in dem – wie in unzähligen anderen Dörfern – die Verbrechen der Nazis verdrängt und geleugnet wurden. Inzwischen, sagt sie, gibt es auch hier engagierte Menschen vor Ort, die sich der Geschichte stellen. (DLF „Fazit” vom 05. Oktober 2026)
Mit „Die Lücken” will die Tochter iranischer Geflüchteter auch den Blick öffnen für Migration und Minderheiten in Deutschland, will auf ihr Leid aufmerksam machen, auf ihren Schmerz und ihre Verluste nach einer Flucht – ein lebenslanges Trauma. Denn oft haben auch sie genau das erlebt: Diktatur, Unterdrückung und Verfolgung.
(Christiane Schwalbe)
Shida Bazyar, *1988 in Heimsbach/Hunsrück, studierte Literarisches Schreiben und Kulturjournalistik in Hildesheim, lebt und arbeitet in Berlin. Für „Die Lücken” bekam sie bereits den Wilhelm Raabe Literaturpreis.
Shida Bazyar „Die Lücken“
Roman, Kiepenheuer & Witsch 2026, 512 Seiten, 25,00 Euro
E-Book 19,99 Euro
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