Kiran Millwood Hargrave
Fast ein Leben
„Sie hatte nicht erwartet, einem Engel auf den Stufen der Basilika zu begegnen, wo sie nichts weiter hatte tun wollen als lesen, Leute beobachten und sich im Stillen über die Touristen aufzuregen, die in Scharen in ihre Stadt einfielen.“
Freiheit und Liebe
Im heißen Sommer 1978 begegnet Laure Boutin auf den Stufen von Sacre Coeur der sechs Jahre jüngeren Erica Parker zum ersten Mal, der Studienanfängerin, die noch viele Jahre später von Laures Pariser Freundinnen als ‚Touristin‘ verspottet wird. Weit weg vom englischen Elternhaus genießt sie zum ersten Mal die Freiheit. Und die Liebe, auf die sich die erfahrenere und coolere Laure ebenso ungeschützt und entzückt einlässt wie sie. Kiran Millwood Hargrave erweckt die Künstler- und Studentenszene im Paris der späten Siebziger Jahre zu einem farbenfrohen Leben, in dem auch die Personen um Laure und Erica glaubwürdig gezeichnet sind. Mit all den Widersprüchlichkeiten dieser Jahre, als etwa Aids noch ein Fremdwort war und schwules Leben die Öffentlichkeit scheuen musste und attackiert wurde. Erica weicht schließlich aus, geht zurück nach Norfolk, studiert, für immer infiziert vom Wunsch, als Schriftstellerin am Glanz des intellektuellen Aufbruchs mit Laure teilzuhaben.
Verpasste Chancen
Laure kämpft mit dem Alkohol und unguten Abhängigkeiten, vor denen sie ihre Freundinnen und Freunde, vor allem Michel, immer wieder retten. Nach Michels Tod, der Begegnung mit ihrem Vater und dem Gewinn der Nüchternheit ist Laure, jetzt renommierte Kunstdozentin, die hellsichtigere, auch dann noch, als Erica sie mit freundlichem Schriftsteller-Ehemann Ant und zwei Töchtern besucht.
„So war Erica für sie: Sie schimmerte in dem Licht, das vor über zehn Jahren auf den Stufen von Sacré-Coeur auf sie gefallen war. So viel Geschichte. So viele Möglichkeiten. Und irgendwo hatte eine Version von Laure – eine bessere, mutigere Version – sie ergriffen und nie mehr losgelassen.“
Ericas Leben mit Mann und Kindern scheint zwar erfüllt, doch mit den Jahren ergreift das Unglück verpasster Chancen Besitz von ihr und treibt sie in die Depression. Die Autorin verfolgt, wie sich die beiden Frauen immer wieder begegnen, über fast vierzig Jahre hinweg, und die Möglichkeit, dass sie beim nächsten Treffen endlich mutig genug sind, beieinander zu bleiben, wird zur Konstante des Romans. So baut sich eine großartige Spannung auf, die die Autorin in den langen Jahren zwischen ihren Zusammentreffen nie aus den Augen verliert und als schmerzlichen Grundton aus Sehnsucht und Verzicht erklingen lässt.
Sie liebte eine Frau und hatte einen Ehemann. Sie fühlte sich hohl, wie aus Pappmaché, und verwendete dennoch all ihre Mühe, all ihre Energie darauf, sich zusammenzureißen. Als sie mittags immer noch so dalag, hungrig und niedergeschlagen, wurde ihr klar, dass sie beide – Laure und Ant – benutzte, um die Leere in ihrem Inneren zu füllen, sich Gewicht zu verleihen.“
Das Gefühl von Unzulänglichkeit wird Erica verfolgen, über die Jahre und die Kilometer hinweg: „dass sie Laure nicht ebenbürtig war, ihr nicht geben konnte, was sie verdiente.“ Gleichwohl werden die Hindernisse, die einem erfüllten gemeinsamen Leben im Wege stehen, von der Autorin ernst genommen, und das verleiht dem Roman seinen großen Reiz: seine Wahrhaftigkeit und seine mitunter herzzerreißende Traurigkeit. Homo- und heterosexuelles Leben war in diesen Jahren noch weit voneinander entfernt. Ericas Mann ist keineswegs nur ein Ersatz, ihre Kinder mit Familie erwünscht und wichtig, und ihr einziges Buch war ohnehin erfolglos geblieben. Das Leben beider Frauen entwickelt sich in unterschiedliche Richtungen, folgerichtig und nicht nur als Ergebnis verpasster Chancen.
Was für immer bleibt
Hargraves Roman erzählt neben der Geschichte einer großen Liebe, welche Rolle der Kampf um die Rechte Homosexueller seit den 70er Jahren, der Aids-Krise bis hin zur Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen spielte und auch die intimsten menschlichen Bereiche beeinflusste. Vor der Entscheidung für den scheinbar schwierigeren Weg schreckt Erica, die sich als bisexuell erlebt, zwar zurück, doch in ihren Gedanken hat auch sie ihn nie ganz verlassen. Früh brachte die Kunsthistorikerin Laure ihrer Freundin Monets grandiose Wasserszenen nahe, und als sie sie gemeinsam wiedersehen, erkennt sie
„die andere Existenz, die sich wie etwas Hauchdünnes über all das legte: wie ein feines Gespinst, wie ein Atemhauch. Nur einen Atemhauch entfernt existierte diese andere Existenz, in der sie und Erica waren. All die Jahre gewesen waren. Die Kämpfe, die Küsse, die Spaziergänge und Umarmungen.“
Wie die Autorin mit Sexualität, Abhängigkeit, Missverständnissen, Vernunft und gesellschaftlichen Irrtümern umgeht, ist außergewöhnlich. Hargraves‘ Roman ist vor allem die vielschichtige Reflektion einer großen Liebe und Leidenschaft, dessen was ist und was sein könnte. Und was für immer bleibt.
(Lore Kleinert)
Kiran Millwood Hargrave „Fast ein Leben“
Aus dem Englischen von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck
Roman, Kein&Aber Verlag 2026, 572 Seiten, 25,00 Euro
eBook 18,99 Euro
