Amanda Lee Koe
Sister Snake
Bevor sie Beine hatten, hatten sie Schwänze. Früher, vor langer Zeit. Bevor Datenoverkill und Doomscrolling den Spaß verdarben …Bevor sie in den See glitten, um ihre Verwandlung zu beginnen, sah die grüne Schlange der weißen Schlange in die Augen und formte: „Dieser Körper an sich ist Leere. Leere an sich ist dieser Körper.“
Unsterblichkeit
Schwierige Schwesternschaft: Emerald frönt dem Chaos und der Ausschweifung in New York, während Su als disziplinierte Gattin eines konservativen Politikers in Singapur „Haute Couture als weiche Rüstung gegen eine harte Welt“ vorzieht. Doch ihre Verbindung reicht Tausende von Jahren zurück: Achthundert Jahre lang erprobten zwei Schlangen, weiß und grün, ihre Selbstkultivierung, um ab 1615 als Frauen zu leben.
Die Autorin greift auf eine Legende der chinesischen Mythologie zurück, in der die Liebe einer Schlange zu einem Menschen ihre Sehnsucht weckt, in menschlicher Gestalt zu leben. Die Legenden vieler Völker über Tiergeister bieten eher Pessimismus, und auch Hans Christian Andersen demonstriert in seinem Märchen über die kleine Meerjungfrau, dass die Aussichten auf Glück ungünstig sind. Amanda Lee Koe erzählt in ihrem Roman ebenfalls keine Erfolgsgeschichte, doch sie reimaginiert das Thema des Gestaltwandels und der Unsterblichkeit mit kritischem Blick auf unsere Zeit im Sinne des Queer-Feminismus, in New York, in Singapur, Städten, so unterschiedlich wie ihre beiden Protagonistinnen.
Schlangennatur
Die Rückblicke in die Geschichte der beiden Schlangenfrauen lesen sich amüsant, denn das England des 19. Jahrhunderts war ebenso wenig ein Ort für lebenslustige Frauen wie das konfuzianische China. Vor allem aber die Herausforderungen der Gegenwart erschüttern die eingefahrenen Rollen der beiden Frauen, deren Geheimnis, ihre Schlangennatur, sie selbst und alle um sie herum immer wieder in Gefahr bringt – aber auch rettet.
„Willst du, dass das Leben dich bestimmt, oder willst du das Leben bestimmen? Sie sucht nicht die Sichtbarkeit, aber die Leichtigkeit, mit der sie sich durch die Welt bewegt, lässt sie herausstechen. Sie fühlt sich wohl in ihrer Dualität, weshalb es bei ihr keine Priorität hat, dazuzugehören. Emerald gurrt Reptilien an.“
Zeitreisespaß
Klingt für Fantasy-Unerprobte zwar unglaubwürdig, doch reich an Kontrasten und sorgfältig beschriebenen Details entwickelt die Geschichte der Gestaltwandlerinnen einen unwiderstehlichen Sog. Während Su allmählich erkennt, wie defensiv und angepasst sie lebt, ist Emerald ihrer Tiernatur nah geblieben, mit allen Risiken. Doch auch ihre weiße Schwester schlägt ihre Reißzähne in menschliches Fleisch und saugt aus anderen Wesen Atemluft, Lebensenergie heraus, mit Vergnügen und Lust.
„Eilmeldung aus Singapur. Eine Schlange hat im Paragon Medical einen brutalen Angriff auf einen Arzt verübt und ist danach entkommen.“
Lee Koe erzählt mit ausufernder Fantasie und Spaß an wilder, queerer Leidenschaft vom Kampf zwischen Konformismus und Freiheit. Letztlich kreist ihr Roman um die Frage, ob tiefe Verbundenheit auch die erschreckenden Anteile des Selbst auffangen kann. Die feministische Neuerzählung der klassischen Legende wird so zu einem gelungenen Mix von magischem Realismus, Zeitreisespaß und Horror, mit Schwesternliebe im Zentrum.
(Lore Kleinert)
Amanda Lee Koe, lebt in Singapur und New York. Sie gibt das Literaturjournal "Ceriph" heraus und arbeitet als Literaturredakteurin für "Esquire".
Amanda Lee Koe, „Sister Snake“
Roman, aus dem Englischen von Zoe Beck
CulturBooks Verlag, 328 Seiten, 24 Euro
eBook 14,99 Euro
