Kim Koplin
Die Toten von Morgen
Katzen und Bier spielen für den Autor und Übersetzer aus dem Französischen und Tschechischen eine gewisse Rolle. In seinem ersten Kriminalroman taucht ein roter Kater auf, und viel Bier wird genossen, ist doch die Handlung dies- und jenseits der tschechischen Grenze im Böhmerwald angesiedelt. Diese Grenze spielt die Hauptrolle in dieser leichtfüßigen und zugleich tiefschürfenden Geschichte.
Der Club der dichtenden Polizisten
„Die Grenze zwischen Bayern und Böhmen war für die Großmutter Elisabeth gleichbedeutend mit der Grenze zwischen Gut und Böse. Was ihn betraf, so trug ihn die Kenntnis der beiden Sprachen, die im jahrhundertelangen Lauf ihrer gemeinsamen Geschichte teils in Freundschaft, teils in Feindschaft koexistiert hatten, durchs Leben, ohne dass er sich groß anstrengen musste. Er wuchs in ein Dasein als Mittler zwischen Sprachwelten hinein…“
Josef Meinl, Sohn eines deutsch-tschechischen Paares, das sich nach der Grenzöffnung 1990 gefunden hatte, macht sich auf eine familiäre Spurensuche, denn sein Urgroßvater kam von einer Schmuggeltour niemals zurück, und jetzt sind im Grenzwald Knochen gefunden worden, - ein Skelett, das einen Durchschusskanal im Schädel aufweist.
Ein Skelett im Sommerloch
Schmuggler waren hier jahrzehntelang unterwegs und wurden auf beiden Seiten der Grenze gejagt. Der Hass zwischen den in der Geschichte hin und her geschobenen Bevölkerungsgruppen war durch die deutsche Besetzung der Tschechoslowakei besonders groß, und die Vertreibung der Sudetendeutschen 1945 schürte ihn abermals. ‚Wassersuppen‘ hieß das Dorf, in dem Josefs Großmutter aufgewachsen war, und nach Kriegsende wurde es umbenannt, heißt seither Nemanice, was man mit ‚Habenichts‘ übersetzen könnte, und es verfällt. Armut gab es hier immer.
„Als damals die Deutschen aus ihren Häusern rausgeholt wurden, hat die Bäuerin laut verkündet, dass jeder verrecken soll, der in ihr Haus einzieht. Vogl soll die geheißen haben. Also, ich glaub ja nicht an sowas, aber es ist genauso gekommen, wie sie es sich gewünscht hat.“
Erinnerungen an Täter und Opfer
Dies und vieles mehr erfährt Josef beim Bier, bis sich schließlich der Kreis schließt. Um 1920 wurde in Pennsylvania ein Ort namens Nemanice von bayrischen Schmugglern gegründet, und Ende der dreißiger Jahre wurde erneut eine Flüchtlingswelle aus dem bayrisch-böhmischen Grenzland nach Amerika gespült, und das trägt zur Lösung eines der Rätsel bei. Unterdessen ist auch die tschechische Polizei auf der Suche nach dem Menschen, dessen Skelett aufgetaucht ist. Als 1986 zwei Soldaten desertierten und in den Westen flüchten wollten, könnte einer der beiden erschossen worden sein.
Wilde Spekulationen über politische Verbrechen
Gedichtet wird ganz nebenbei am „Stammtisch der Verrückten“, wo die Polizisten ihre Facebookseite ‚Polizeipoesie Klatovy‘ ihre Einsätze in selbstgebastelte Lyrik verwandeln, mit großem Erfolg.
„Als die Streife/des Morgens um drei/ zurück zu ihrem Dienstwagen kam/geparkt in der Smetanastraße/da kniete am Auto ein Mann, hellwach/ der mit Wonne die Reifen durchstach“
Elmar Tannert verbindet die Recherchen und Absonderlichkeiten der Polizisten mit sorgfältig entwickelten persönlichen Geschichten in dieser kaum bekannten Region des deutsch-tschechischen Grenzgebiets. Mit Feingefühl und Fantasie geht er alten Konflikten auf den Grund und findet für alle Nuancen der familiären und polizeilichen Ermittlungen eine wunderbar angemessene Sprache, - sogar für die dichtenden Polizisten.
(Lore Kleinert)
Elmar Tannert „Der Club der dichtenden Polizisten“
Ars Vivendi 2026, 22,00 €
