Norbert Gstrein
Im ersten Licht
„Halbverblödete Bürschchen, die mit bunten Federbüschen auf ihren Köpfen ins feindliche Feuer stürmen und sich wie Spielzeugfiguren aus dem Sattel schießen lassen, nachdem sie davor so viel Unheil angerichtet haben, wie sie nur anrichten können.“
Im ersten Licht
Adrians Vater, Postbeamter und Kriegsgegner, hat keinerlei Sympathie für die reichen Söhne, die sich als Kavalleristen in den Krieg stürzen. Seinen Sohn bewahrt er mit einem ‚goldenen Hieb‘ mit der Axt ins Bein vor der Musterung, doch dieser Adrian begegnet der Zerstörung durch den Krieg in den verwundeten, vernarbten Gesichtern und Körpern seiner Altersgenossen, die er von fern bewundert hatte. Da ist der Krieg, den man den ‚großen‘ nannte, bereits zu Ende, Adrian, immer ein Jahr jünger als das Jahrhundert, arbeitet 1920 im Hotel nahe Salzburg am See, und im Morgengrauen, beim ersten Licht, hört er die Schreie des jungen Mannes, der mit anderen Verwundeten des Krieges in der Villa einer reichen Familie Zuflucht gefunden hat. Dass dieser bis zur Unkenntlichkeit entstellte Mensch der Sohn der Wiener Familie ist und bis zu seinem Selbstmord verleugnet wird, erfährt Adrian nach und nach, und die Erfahrung des Nicht-Dabeigewesenseins ist es, die ihn prägen und begleiten wird, weniger als leises Schuldgefühl denn als Faszination für das verlorene Habsburger Weltreich, dem Joseph Roth das „Kadaverleuchten lebender Leichname“ zuschrieb.
Als Lehrer wird Adrian später seine Schüler mit dem Krieg plagen, den er nicht erlebt, aber in all seinen Verästelungen studiert hat. Norbert Gstrein entwirft das Portrait eines Mannes, der mit den Gräueln seiner Zeit verknüpft bleibt, ohne sich dazu verhalten zu können. Die Mutter des toten jungen Mannes ermutigte ihn zu studieren, Lehrer zu werden, und als die Verfolgung der jüdischen Bewohner Österreichs um sich greift, lässt sie keinen Zweifel daran, dass das Opfer der Söhne ihrer jüdischen Bekannten nicht mehr zählt:
„Ein ehemaliger Bankdirektor und ein berühmter Chirurg mit Söhnen, die ihr Leben im Krieg hingegeben hatten, doch bei „Leuten wie ihnen“ zählte das auf einmal nicht mehr, sie mussten froh sein, wenn man es bei dieser raunenden Wendung beließ, egal, wer sie waren, egal, was sie taten, egal, wie sehr sie sich bemühten und welche Ämter oder Titel sie auch innehaben mochten. Alles für das Vaterland, alles für nichts und wieder nichts, alles für die Katz“.
Auch im zweiten Teil des Romans wird Adrian Reiter Zeuge des Grauens, auch hier steht er als Zeuge am Rand, unwillig, etwas genau zu erkennen, bis die Wahrheit einbricht: ein ehemaliger Schüler, der das Interesse des Lehrers am Krieg früher als Begeisterung auffasste, macht ihn zum Zeugen für das Morden hinter der Ostfront. Gstrein verknüpft Adrians Leben und das, was er weiß, ohne es selbst zu erlebt zu haben, zu einem schlüssigen Bild: was man weiß, aber nicht wahrhaben will und kann, lässt den Menschen verstummen.
„Warum jemandem von sich erzählen? Warum etwas preisgeben? Was wusste man schon, was man von anderen erzählt bekam? Lieber einmal zuviel die Unwahrheit gesagt, als plötzlich mit der Wahrheit herauszurücken, unter der sich nicht nur die Lügen auflösen würden, sondern mit ihnen die ganze Welt, in der man lebte, und Adrian konnte nicht sagen, weshalb…“
Über die Männer und Frauen, die zu Tätern wurde, ist einiges erforscht und geschrieben worden, doch Gstrein gelingt es in diesem Roman, bis in die feinsten Verästelungen nachzuvollziehen, welche Verheerungen Krieg und Gewalt auch bei denen anrichten, die scheinbar unbeteiligt waren, aus Zufall, der „Gnade der späten Geburt“ geschuldet, oder weil sie in die vorherrschenden Anschauungen ihrer Zeit verstrickt waren. „1945 das Jahr, wie gesagt, er vierundvierzig, ein Stillhalteabkommen, das jeder mit jedem eingehen musste, fast ausnahmslos, und er hatte nicht die geringste Ahnung, wie man jemals wieder herausfinden und sich ohne diesen doppelten Blick in die Augen sehen konnte.“
Geprägt von dem, was verdrängt wurde, sind die nicht unmittelbar Beteiligten allemal auch, und im dritten Teil des Romans, Adrian nähert sich dem Ende seines einsamen Lehrerdaseins, gewährt ihm der Autor eine Wendung seines Lebens. In England lernt der Eigenbrötler eine Frau kennen, deren Bruder im ersten Weltkrieg als Deserteur zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde, im ersten Licht des Tages. Diese Annäherung an ein fremdes Schicksal, das nicht mehr verschwiegen werden soll, bietet dem älteren Mann einen Zugang zu seinen Gefühlen und die Gnade der späten Liebe, zu einer Frau, die den Tod ihres Bruders nicht erträgt.
„Es war ein Grenzgang. Wer sagte, wieviel Erinnerung gesund war und wo es anfing, verrückt zu werden, wo die Krankheit begann? Im Morgengrauen erschossen, das konnte niemand einfach so hinnehmen.“
Norbert Gstrein ist ein faszinierendes Bild des kriegerischen 20. Jahrhundert gelungen, fokussiert auf einen Menschen, der wie so viele am Rande steht, und indem er Zeuge wird, Schaden an seiner Seele nimmt: Was ihn mit den Tätern verbindet, ist das Wissen und die Verdrängung, das Schweigen, welches das innere Leben erstickt. Erst im Mitgefühl und im Schmerz öffnen sich wieder Wege zu anderen und auch zu sich selbst, und in Gstreins eleganter, reicher Sprache wird die lange Geschichte des Außenseiters zum Jahrhundertroman.
„Siebenundachtzig Jahre alt und noch am Leben, aber nur solange man dem Tod etwas zu geben hatte, konnte man dem Tod etwas nehmen. Siebenundachtzig Jahre alt und nicht im Krieg gewesen, aber solche heillosen Gedanken. Dem Tod etwas geben. Dazu müsste Adrian mehr Leben haben als er noch hatte.“
(Lore Kleinert)
Norbert Gstrein, Im ersten Licht. Roman, Hanser 2026, 412 S. 27,00 €
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