Svenja Leiber
Nelka
„Über das Wichtigste hatte sie nie gesprochen. Über das, was war und was nicht hätte sein dürfen, nie ein Wort.“
Nelka
Rund zwanzig Millionen Menschen mussten für das nationalsozialistische Deutschland Zwangsarbeit leisten. Allein in Schleswig-Holstein gehen Schätzungen von bis zu 225.000 Menschen aus. Von den Geschichten inspiriert, die sie als Jugendliche hörte, erzählt Svenja Leibers Roman von der jungen Nelka, die mit 16 Jahren aus Lemberg verschleppt und auf einem norddeutschen Gutshof zu schwerer Arbeit gezwungen wurde. Viele Jahre später, die Sowjetunion ist endgültig zerbrochen, macht sich Nelka auf den Weg zurück, um den Mut zu finden, verschlossene Türen zur Erinnerung zu öffnen. „Wer kann denn, denkt sie, wissen, ob das Ende einer Reise noch innerhalb der eigenen Lebenszeit liegen wird.“
Eine Reise in die Finsternis
Svenja Leiber erzählt die Geschichte einer Frau, die den Gutsverwalter, der damals Herrscher über die Männer und Frauen aus den besetzten Länder war, zwingen will, sich zu erinnern, damit sie selbst mit dem, was ihr angetan wurde, ins Reine kommt. „„Zaubern, Nelka. Nie vergessen“- das waren die letzten Worte des Vaters, bevor er von den deutschen Besatzern Lembergs erschossen wurde. Von ihm, dem Fachmann für Apfelanbau und den Zauber der jahrhundertealten Veredelung der Bäume hatte sie das Wissen gelernt, das ihr die Aufmerksamkeit des Verwalters Marten einbrachte. Nach dem Krieg machten ihn die Apfelplantagen reich, und die Kriegsgefangenen, die sie angelegt hat, wurden vergessen, Ukrainerinnen und Polinnen, Russen, Franzosen. Wie die Schuld derer, die sie verschleppt und geschunden hatten.
„Alles beginnt mit Sprache. Der tausendfache Missbrauch, der Zwang und die Morde durch Arbeit begannen mit Sprache. Mit der Einübung in die Unmenschlichkeit durch die Versprachlichung unmenschlicher Gedanken.“ (Nachwort S.Leiber)
Faschistisches Begehren und Körperpanzerung
Leiber erzählt in der Konfrontation der jungen und dann der alten Frau mit dem Täter Marten auf sehr eindringliche Weise auch die Geschichte eines Begehrens, das man als faschistische Aneignung lesen kann: Marten ist in den Zwängen seiner Zeit und Geschichte eingepanzert, Klaus Theweleit hat kundig und genau darüber geforscht und geschrieben. (Männerphantasien, Verlag Roter Stern 1977) In der Begegnung mit der jungen Frau wird etwas in ihm wach, für das er kaum eine Sprache hat, und Svenja Leiber gelingt es, das Innere dieses einsamen, zu Gewaltausbrüchen neigenden Mannes aufzuschließen. ‚Rassenschande‘ war zwar verboten, doch für Männer galten die Körper der Frauen allemal als verfügbar.
„Es ist auch kein direktes Verlangen des Körpers, vielmehr ein körperloses, fast untotes Verlangen nach etwas, das nicht benennbar ist. Etwas, das aus allen Erzählungen getilgt und mit der Zeit tatsächlich verblasst ist. Diese Lücke, die sich irgendwann scheinbar geschlossen hatte, jetzt reißt sie auf. Wie eine billige Naht. Darunter kommt das Fleisch der Geschichte zum Vorschein, roh und zart.“
Mit dieser ‚Lücke‘ in der Seele, der scheinbar gelungenen Verdrängung von Schuld und Begehren, hat eine ganze Generation von Männern nach dem Krieg gelebt, aufgebaut, sich arrangiert, mit Hilfe ihrer Ehefrauen, die den Preis für das Vergessen von Angst und schlechtem Gewissen willig zahlten. Und wenig Glück spürten.
Ausbeutung und Widerständigkeit
Dies im Roman zu verbinden mit der Geschichte der Männer und Frauen, deren Ausbeutung zum rasch erworbenen Wohnstand der Deutschen nach dem Krieg erheblich beitrug, zeichnet Svenja Leibers Roman aus. Für den andauernden Missbrauch der jungen Frau findet sie eine poetische Sprache, die den Weg zum Mitempfinden freilegt, ohne sich den Schmerz der Opfer anzueignen:
„Ihr ist, als falle sie rückwärts, als falle sie aus sich heraus. Sie starrt in das Gesicht und durch das Gesicht hindurch, starrt durch diese Leere hindurch auf das, was geschieht, als der Krieg aus ist und doch nicht vorbei.“
Auch von der Gemeinschaft der verschleppten und zur Arbeit gezwungenen Frauen, die sich gegenseitig stützen, erzählt dieser außergewöhnliche Roman, von den kleinen Gesten des Widerstands gegen ihre Erniedrigung, dem Wissen um das Unrecht, das ihnen geschieht. Die unterschiedlichen Perspektiven und Zeitebenen wechseln, und das Bild, das die Erinnerung bietet, wird dadurch immer vielschichtiger und genauer – bei Nelka ganz anders als bei Marten, der angesichts ihres Schweigens eine Ahnung von seinem leeren Leben spürt, während sie im Krieg, der weiterwirkt, einen ehrlichen Frieden findet.
„Eine leere Truhe, Gonda. Vielleicht auch eine einsame Spinne darin. Er hat wirklich gedacht, das Lebendige sei etwas, das man beherrschen kann. Aber es ist anders. Und er wird sich jetzt erinnern. Und ich werde ihn vergessen.“
(Lore Kleinert)
Svenja Leiber, Nelka
Suhrkamp Verlag 2026, 24,00 €
