Stefan Hertmans
Dius
„Irgendwo in meinem Kopf hatte sich etwas aufgetan und frischen Wind hereingelassen, ein verheißungsvolles Aufschimmern unverhoffter Möglichkeiten versprach, mich aus meinem selbstverschuldeten Lebenstrott zu befreien.“
Dius
Der Student bietet dem zehn Jahre älteren Hochschuldozenten die Freundschaft an, und Anton lässt sich darauf ein, folgt Egidius de Blaeser, den alle Dius nennen, Anfang der Achtziger Jahre ins Atelier im alten Dorfhaus bei Ganzevliet. An der Kunsthochschule betreut er Dius‘ Arbeit weiter, und er weiß um die außergewöhnliche Begabung des jungen, kompromisslosen Künstlers. Anton ist müde, vom modischen, akademischen Geschwätz in der Kunstszene, dem Gezänk der Kritiker um Modernität, dem Neid unter Kollegen. Dius‘ ungebremste Produktivität wird für seinen Dozenten zum Gegengift, denn seine entschiedene Abkehr von allem, was mit moderner Kunst oder gar Gegenwartskunst zu tun hatte, fasziniert den Hochschullehrer, dem sein eigenes Leben als ängstlich und uninspiriert erscheint: „Sich in Dius‘ Welt zu bewegen, glich einem Traum“. Beide tauchen tief in die Kunst, die Literatur und besonders auch die Musik vor allem der Vergangenheit ein, und der ältere lässt sich von der fast kindlichen Illusion von Freiheit, die unbändige, produktive Energie freisetzt, mitreißen.
„In solchen Momenten weiß ich, warum Dius in mein Leben treten musste: weil wir beide den Durst nach vergangenen Zeiten teilen, die uns durch die frühen Erinnerungen irgendwie in den Körper eingeschrieben sind und uns unbehaust werden lassen im Lärm unserer Gegenwart.“
Stefan Hertmans lässt uns durch Anton an der Freundschaft, der rein platonischen Liebe der beiden ungleichen Männer teilhaben, an den Herausforderungen, die sich dem rauschhaft Kreativen anders stellen als dem Schreibenden, analytisch Denkenden. Durch Dius‘ Einmischung verliert Anton seine große Liebe Lys und entwickelt sich schließlich zu einem „ordentlichen Lehrer“. Nachdem Dius schon lange nach Italien fortgezogen ist, lebt Anton wieder auf dem Land, im alten Dorfhaus, in der etwas verbitterten Einsicht, „alles (zu) geben, auch wenn man selbst über wenig Talent verfügt.“ Ein kontemplativer Künstlerroman ist das nicht, viel eher die Erinnerung an die Offenbarung von etwas Einmaligem, aus der Zeit Gefallenem, der Abkehr von allen modischen Verirrungen in der Kunst und der Inspiration großer Freundschaft, und er spart die Narben und Verletzungen des Lebens nicht aus.
Als die beiden Männer sich viele Jahre später wiedersehen, folgt der Roman noch einmal dem Auf und Ab dieser Beziehung, denn Anton lässt sich aus seiner Erstarrung heraus wieder in den Bann ziehen. Er gewinnt der veränderten Situation neue, versöhnliche Facetten ab, denn nun erlebt er seinen Freund, den begnadeten Maler und Zeichner, als todgeweiht.
„Jedes Mal, wenn uns Menschen so etwas geschieht, wird alles so sinnlos, und diese Sinnlosigkeit ist eine Wunde, die unter allen anderen Wunden niemals aufhört zu schwären – als würden wir im Alltag ständig vergessen, dass unter uns ein tiefer, finstrer Abgrund klafft, der das Echo schuldig bleibt, wenn wir im Halbschlaf verzweifelt nach etwas rufen, das es nicht gibt.“
Diese verzweifelte Suche nach Unsterblichkeit, nach dem Absoluten verleiht Hertmans Roman Tiefe, Spannung und Helligkeit, denn in der Rückschau wird sich der Ich-Erzähler bewusst, dass vieles in der Erinnerung schwerer wiegt als es tatsächlich gewesen ist, und dass „Vieles von dem, was wir in anderen Menschen zu erkennen glauben, nur der Widerschein unserer Vorurteile“ ist. Stefan Hertmans selbst lehrte viele Jahre an Kunsthochschulen, auch in Gent, und so bieten die vielen kunsthistorischen Bezüge, Theorieexkurse und Bildbeschreibungen darüber hinaus einen großen Reichtum, etwa auch eine Vorlesung zum Werk des venezianischen Renaissance-Malers Vittore Carpaccio, der im Stil flämischer Malerei arbeitete. Ein großartiger, vielschichtiger Roman, der nach dem fragt, was letztlich bleibt:
„Kultur ist etwas Unbegreifliches; das Höchste ist mit dem Abgründigsten verwandt, und von all den Jahrhunderten voll Schmerz, Verzückung und Verwirrung bleibt uns am Ende nur diese himmlische Musik, bei der sich mein Herz vor Verlangen zusammenkrampft…“
(Lore Kleinert)
Stefan Hertmans, Dius. Roman, aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm, Diogenes Verlag 2025, 340 S., 26,00 €
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