Dror Mishani
Nicht
„Du bist zweiundfünfzig, Witwer und glaubst nicht, noch einmal eine Liebe zu finden, wie du sie hattest. Das Ist klar. Du wirst allein bleiben, die Kinder werden dich ab und zu besuchen kommen, sofern sie überhaupt noch im Land leben.“
Zeiten der Angst
Und dann kommt alles ganz anders. Eli, Übersetzer auch von Kriminalromanen, verliebt sich, wie vom Blitz des Glücks getroffen, in die Cellistin Lea, und ihre vorsichtige Annäherung erweist sich als verheißungsvoll - Eli ist bereit, seine ziemlich eingefahrenen Bahnen zu verlassen. Der Autor, Übersetzer und Literaturdozent Dror Mishani, bekannt durch seine Krimiserie um Kommissar Avi Avraham, hat sich zuletzt in seinem Tagebuch aus Tel Aviv, „Fenster ohne Aussicht“, mit den Folgen des Terrorangriffs der Hamas auseinandergesetzt. In seinem neuen Roman fragt er nach den Aussichten einer Liebe in Zeiten der Angst, und als Spezialist für die Geschichte der Kriminalliteratur operiert er subtil mit den Fallstricken, in denen sich Menschen verfangen können. Im Umgang mit Hunden etwa ist Eli nicht erfahren, und Lias Hund Felix, ein schwierig zu zähmender, stolzer Kanaanhund, ist ihm fremd:
„Er nähert sich dir, seine feuchte Schnauze berührt deine Hand. Selbst das ist neu: Deine Hand hat noch nie die feuchte Nase eines Tiers berührt. Nicht einmal die eines Kaninchens. Jeden Augenblick könnte er die Zähne fletschen und dich beißen, so zumindest fühlt es sich an für dich.“
Ausreden und Lügen
Elegant führt der Autor mit Hilfe des Hundes Felix ein Grundthema seines Romans ein, das des Vertrauens. Und Eli lernt, sich dem Hund anzunähern, bis Lea ihm die Verantwortung für das Tier anvertraut, als sie auf eine Konzertreise ins Ausland geht. „Nicht“ wäre das richtige Wort gewesen, als sich der Hund auf einem Spaziergang losreißt, doch da ist es schon zu spät, und eine Spirale von unvorhergesehenen Ereignissen sorgt dafür, dass sich Eli immer mehr in Ausreden und Lügen verstrickt, - um eine Liebe zu retten, die er so untergräbt, und hier hilft auch kein „Nicht“ mehr.
„Was du als Nächstes tust, ist auf gar keinen Fall Teil eines Plans…(Du) führst Handlungen aus, von denen du bis zu diesem Tag nur in den von dir übersetzten Büchern gelesen hast…“
Von diesen Überraschungsmomenten, die der Dramaturgie von Kriminalromanen folgen, lebt Elis Geschichte um Wahrheit und Lüge, und die Spirale seiner Verstrickung dreht sich, wenn Erpresser und eine Polizistin auftreten, immer schneller.
Schuldgefühle
Dass Mishani für seine Geschichte die seltene Form des Zweite-Person-Singular, also die Du-Anrede gewählt hat, erscheint zunächst als ungewöhnlich, doch als Felix verschwindet, haben wir uns längst daran gewöhnt. Indem Eli selbst die Geschichte wie in einem inneren Monolog erzählt, werden die Leser unmittelbar in seine verzweifelten Versuche hineingezogen, sich aus der Schlinge von Angst und fehlendem Vertrauen zu befreien. Wie in einer Art Therapie, der das Gegenüber zwar fehlt, die gleichwohl Raum für Selbsterkenntnis bietet und hilft, alte und neue Schuldgefühle zu verarbeiten.
(Lore Kleinert)
Dror Mishani, *1975 in Israel, Autor und Spezialist für die Geschichte der Kriminalliteratur
Dror Mishani „Nicht“
aus dem Hebräischen von Markus Lemke
Roman Diogenes Verlag 2026, 188 Seiten 25 Euro
eBook 21,99 Euro
Weitere Buchtipps zu Dror Mishani
"Die schwere Hand"
"Die Möglichkeit eines Verbrechens"
"Vermisst."
